Kultur : Freiheit zu leben, Freiheit zu sterben

Christoph Funke

Der titanische Versuch, das Unerträgliche preußischer Wirklichkeit im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Liebe aufzulösen, hat das Werk Heinrich von Kleists geprägt. Er wollte seinem Vaterland dienen - und endete am Wannsee im Staub, den er doch allein den Feinden Brandenburgs zugewiesen hatte. Ihm wurde kein Heil gerufen wie seinem Prinzen Friedrich von Homburg, und auch die versöhnende Flucht in den Traum blieb ihm verwehrt. Birgt dieser Dichter, dem "auf Erden nicht zu helfen war", Herausforderungen für junge Theaterleute von heute?

Regie- und Schauspielstudenten der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" suchen eine Antwort. Sie stellen sich, unbelastet und eigenwillig, den Widersprüchen im Leben und im dichterischen Werk eines Ruhelosen, der seiner Zeit und Gesellschaft unwillkommen war. In einer "langen Kleistnacht" bringen sie die Kurzfassungen von vier seiner Dramen zur Aufführung, eingeleitet durch den Prolog "Tod am Wannsee" von Manfred Karge. Vorgegeben wird mit diesem Dialog zwischen Henriette Vogel (Marianne Kittel) und Kleist (Stefan Kaminski) eine Haltung heiterer Überlegenheit: Die Last der gesellschaftlichen Zwänge abzuwerfen, führt zur Freiheit, freilich der letzten, die sich der Mensch nehmen kann - die freie Verfügung über sein Leben.

Leben und Traum, Liebe und Tod bestimmen den fast fünfstündigen Abend. Achtungsvolle Nähe zum Dichter muss dabei Verfremdungen und Verwerfungen aushalten. Die jungen Künstler stellen sich seiner Sehnsucht nach der Entgrenzung des Wirklichen, aber lassen sich nicht hineinzwingen in die wundersamen, mystischen Schauer des Märchens. Traumverliebtheit wandelt sich in den deftigen Spaß am Schauerlichen, aber auch wieder in die scheue Achtung vor dem Unbegreifbaren.

Elena Breschkow (Regie) und Michael Birkner (Dramaturgie) machen aus dem Schauspiel vom Prinzen Friedrich von Homburg mit nur drei handelnden Personen die Suche nach einer alles Gesetz aufhebenden Liebe. Johannes Oliver Hamm (Homburg), Eva Kammigan (Natalie), André Röhner (Hohenzollern) haben den Mut, sich in magisch miteinander verbundenen Szenenfragmenten der Höhe der Emotionen zu stellen. Sie finden Halt an der Sprache Kleists, sie meistern die Höhenflüge und Zusammenbrüche der Suche nach Liebe und Vertrauen mit staunenswerter Reife. Und zeigen auch die fiebrig patriotischen Phantasien, die dieser Liebessuche zusätzlich aufgebürdet sind.

Ganz anders geht Anna Bergmann (Regie und Fassung) das "Käthchen von Heilbronn" an. Aus dem Mittelalter-Spektakel steigen sprühende Pop-Raketen (Band Kerosin) auf, allerlei Schlagwerk wird bearbeitet, Fräulein Kunigunde von Thurneck (Mareille Bettina Moeller) ist - auch gesanglich - von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Es ist eine fröhlich fuhrwerkende Inszenierung, mit virtuosem Körpereinsatz, die plötzlich auch zu Stille, Staunen, Anmut findet. Das Märchen lebt besonders aus dem deftig aus- und umgebauten Herr-Diener-Verhältnis zwischen dem Grafen Wetter vom Strahl (Helge Tramsen) und seinem Knappen Gottschalk (Marc Benjamin Puch), aber deftige Clownerie beschädigt Wundersames nicht. Besonders das Käthchen der Dorothea Arnold macht diese Kleist-Stunde sehenswert. Naivität wird von ihr hinreißend natürlich gespielt, offen und unverletzbar.

Das Trauerspiel "Penthesilea" dagegen erweist sich als eine zu schwere Last. Maik Priebe und Christian Vilmar (Regie) versuchen das wuchtige Stück mit nur drei handelnden Personen vom Ende her zu erzählen, in einer Schleife, die zum tödlichen Liebeskonflikt zwischen Achilles und Penthesilea zurückführt. Monologische Fragmente werden aus einer nachdenklichen Haltung heraus zelebriert, streng und gefasst. Auch das Vernichtende düsterer Leidenschaft sucht Marlène Meyer-Dunker als Penthesilea zu beherrschen. Aber in den wenigen Szenensplittern kann sie die Voraussetzungen für solche Größe nicht finden.

Ganz anders "Die Familie Schroffenstein" (Fassung und Regie Eike Hanemann): eine Moritat, eine Jahrmarktsattraktion auf schwarzem Podest. Die Väter und Mütter der einander bekriegenden Familien Rossitz und Warwand sind personalsparend nur "einfach" besetzt, das erfordert nicht nur sekundenschnellen Kostümwechsel, sondern auch einen heiter zupackenden Charaktertausch. Leider verläuft sich das Hurtige, Respektlose des Beginns dann doch in den höchst schwierigen Konstruktionen der bluttriefenden Mord- und Rachegeschichte.

Die "Kleistnacht" ist ein bewundernswerter Kraftakt: Keine andere Kunst-Hochschule dürfte derlei bewältigen. In Zeiten entfesselter Rotstiftaktionen sei dies mit allem Nachdruck betont.

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