Kultur : Freiheitskampf in Mini-Alpen

REINHARD KAGER

Regisseur David Pountney, bereits im vergangenen Jahr mit einer "Rienzi"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper erfolgreich, gelingt es ohne plakative Anspielungen, den sagenumwobenen Kampf Wilhelm Tells an die Gegenwart heranzurücken.Erstmals seit der Ära Gustav Mahlers ist Rossinis 1829 für die Pariser Opéra entstandenes Werk wieder an der Staatsoper zu sehen, zum ersten Mal überhaupt in Wien in der - fast ungekürzten - französischen Originalfassung.Das ist um so verwunderlicher, weil "Guillaume Tell" ganz deutlich vom Kolorit der Grand opéra gefärbt ist.Doch zahlreiche Umarbeitungen schon zu Lebzeiten Rossinis hatten dazu geführt, daß die nahezu vierstündige Oper fast immer nur als Torso zu sehen ist.

Fernab davon, den Freiheitskampf der Schweizer ungebrochen heroisieren zu wollen, stellte Rossini die Dialektik zwischen der patriotischen Freiheitsidee und einem tiefverwurzelten Naturgefühl ins Zentrum der Oper.Dieser Spur sind auch David Pountney und sein Ausstatter Richard Hudson auf dem schmalen Grat zwischen Ironie und tieferer Bedeutung gefolgt.Anfangs tummeln sich die fröhlichen Schweizer hinter einer auf durchsichtiger Gaze aufgemalten Schießscheibe in einer Alpen-Miniwelt zwischen winzigen Berghüttchen.Zwei riesige Holzfiguren, auf denen Melcthal (Walter Fink) und Hedwige (Mihaela Ungureanu) sitzen, sollen wohl die Einheit von Patri- und Matriarchat symbolisieren.Aber das patriarchale Prinzip fällt unter der Axt der österreichischen Besatzer, die auch die Häuschen blindwütig zerstören.

Kontrastierend zu diesem - bühnentechnisch nicht immer ganz zufriedenstellend gelösten ersten Akt - ist die Bühne beim Duett zwischen Arnold und Mathilde leergefegt und in düsteren Grau getaucht.Nun sind die Mini-Alpen in eine längliche Glasvitrine eingeschlossen, die wohl die Domestizierung und später auch Devastierung von Natur symbolisiert, als Gessler (abstoßend widerlich: Egils Silins) ein kleines Feuerwerk in diesem Glaskasten entzündet.

Natur kehrt erst denaturiert wieder, als die geknechteten Schweizer - mit Bäumen getarnt wie in Shakespeares "Macbeth" - einander zum Rütlischwur treffen, den Rossini bezeichnenderweise in ein zartes Piano gesetzt hat.

Auch für die nicht einfach zu lösende Schußszene findet Pountney ein treffendes Bild ohne technischen Firlefanz: Als Teil seine Armbrust hebt und mit dem Mut der Verzweiflung den Pfeil in Richtung seines Sohnes Jemmy (Dawn Kotoski) feuert, wird das rote Geschoß wie in Superzeitlupe von einer Hand zur anderen weitergereicht, bis der letzte im Bunde der Eidgenossen triumphierend den Apfel durchsticht: Der Kampf um die Freiheit - das Werk eines "einig Volks von Brüdern".Nicht der technische Aufputz, sondern eine geistige Haltung und ein Willensakt sind es, die die Idee von Freiheit Wirklichkeit werden lassen.

Daß am Ende das durch die Puppe Hedwiges symbolisierte matriarchale Prinzip obsiegt und die (von Renato Zanella eindringlich choreographierten) Schlächterbilder des Bürgerkriegs verdrängt, ist aber auch der Integrität zu danken, die Rossini dem Protagonisten verleiht: Thomas Hampson, mit seinem leichten Kavalierbariton nicht unbedingt eine Idealbesetzung für den Tell, gestaltet die Titelpartie mit großer Intelligenz und geschmeidigen Linien.Womit er den französischen Tonfall der Oper entschieden besser trifft als Fabio Luisi am Pult des Staatsopernorchesters, das zwar technisch ohne Tadel musiziert, doch wesentlich mehr Klangfarben ins Spiel bringen müßte.Dennoch ein gelungener Saisonauftakt, den nicht zuletzt auch Nancy Gustafson, die der Mathilde eine sanfte Naturstimme verleiht, und Giuseppe Sabbatini sichern, der die extrem hohe Tessitura des Arnold mit großem Anstand meistert.

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