Kultur : Freizeitpark

Rattles Philharmoniker spielen Schostakowitsch

Uwe Friedrich

In seiner ersten Sinfonie beschwört der 19-jährige Dmitri Schostakowitsch die gefährlichen Verheißungen eines hektischen Rummelplatzes. Fetzen der Hochkultur behaupten sich gegen wilde Lebenslust. Die Hoffnung auf das große Glück lockt, aber immer wieder droht die Karambolage. Simon Rattle verlegt das Hoffen und Bangen mit den Berliner Philharmonikern in einen hochmodernen Freizeitpark. Hier muss das Publikum gleichsam Schlange stehen für den kurzen Glücksmoment auf einer Achterbahn, die dann doch nur mit halber Geschwindigkeit in die Kurve geht, damit garantiert nichts schiefgehen kann.

Von existenzieller Bedrohung ist in der Philharmonie nichts mehr zu spüren, mit vergnügungssüchtiger Lautstärke wird ein blutleeres Lebensimitat vorgespielt. Gewiss, das Oboensolo ist exquisit, die technische Sicherheit des Orchesters hält jeder Prüfung stand, von Ängsten und Wagnissen einer dunklen Zeit will diese Sichtweise jedoch nichts mehr wissen.

Die existenzielle Bedrohung interessiert Simon Rattle auch in der 15. Sinfonie nicht. Hier müsste sich der Boden knirschend auftun, der angsterfüllte Blick des Komponisten schweift immer wieder in einen leeren Himmel. Dort wohnt aber kein gnädiger Gott mehr. Ungetröstet schaut der kranke Mensch ins Nichts und versucht vergebens, die Hoffnungslosigkeit zu bannen. Doch die unerbittliche Schlagwerkmechanik bleibt in der Philharmonie harmloses Geklingel, Wagners Todesmystik im vierten Satz wird in Rattles ewig optimistischer Sichtweise zum neckischen Zitat, ungefähr so amüsant wie die Rossini-Anklänge im ersten Satz. Immer wieder setzt der Chefdirigent auf imposante Lautstärke, ohne der verzweifelten Größe dieser Musik auch nur nahe zu kommen. Statt verzweifelter Doppelbödigkeit entsteht eine Reihe hübscher Einzeleffekte.

Versteht Rattle die diffizile Doppelbödigkeit Schostakowitschs nicht oder kann er sie nicht umsetzen? Indem er die Sinfonien so eindeutig und ohne jedes Geheimnis spielen lässt, verflacht er den Komponisten noch posthum zum linientreuen Sowjetmusikanten. Der Trommelwirbel am Schluss müsste an Exekutionskommandos denken lassen, an das sinnlose Sterben. Auch das letzte Diminuendo bekommen die Schlagzeuger selbstverständlich perfekt hin. Doch wenn der Dirigent bei diesem Werk das Gruseln nicht lehrt, bleibt die Musik belanglos. – Großer Jubel.

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