Kultur : Fremd im Ich

Heimatlos: Michael Kliers „Farland“, mit Laura Tonke und Richy Müller

Jan Schulz-Ojala

Michael Klier hat es mit den Niemandsorten. „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“, sein Leinwanddebüt von 1989 und sogleich eine Titel-Legende, spielt zwar in Berlin und New York, doch seine Helden sind zutiefst Heimatlose. In „Ostkreuz“, zwei Jahre später, stranden eine Mutter und ihre Tochter im Nachwendewesten, und für deren vollendete Verlorenheit könnte es keine bessere Metapher geben als den trostlosen titelgebenden S-Bahnhof, an dem sich drei Schienenstränge kreuzen. Nun also „Farland“: inspiriert von der „Fahrland“-Siedlung nahe Potsdam, deren Name selber schon traurig-poetisches Potenzial birgt, angelsächsisch verfremdet zu „Farland“. Sehr fern das Land, sehr fern der feste Grund unter unseren Füßen.

Farland ist eine Siedlung nur fürs Geld. Mit Monsterbau- und -supermärkten, die man nicht mehr Gebäude, geschweige denn Häuser nennen mag, sondern Sortimentsüberdachungen, Warenbetonhüllen, himmelhohe Allzweckmehrwerthallen. Farland ist mit Gewalt zersiedelte Landschaft – mehrfach schwenkt die Kamera langsam über das rechtwinklig zerklüftete Panorama, und wer will, mag darin die Stadtrandkaufbrache dicht am Berliner Flughafen Schönefeld erkennen. Hier zwischen baumlosem Restgestrüpp, vollautomatischem Etap-Hotel – „Hier schlafen die Schlauen“ – und ausgeweideten Dorfhäusern, die demnächst für die Flughafenerweiterung plattgemacht werden, begegnen sich die verlorenen Seelen von „Farland“: fern von allem und fern auch von sich selbst.

Ein junges Pärchen liegt im Koma, ein Autounfall in der Nacht nach der Disco, und jetzt hängt das Leben an einer Apparatur. Karla (Laura Tonke) ist die Schwester des Mädchens: Sie bricht einen ihrer Billig-Messejobs ab, um bei der Abwesenden zu wachen, bis die Mutter von ihrer neuesten Reise zurückkommt. Hinter der Stoffwand auf der Intensivstation liegt der künstlich beatmete Körper des Jungen – und statt sich ihrem Sohn zuzuwenden, streiten die durch das Unglück zwangsvereinten Eltern nur. Birgit (Karina Fallenstein) will Axel (Richy Müller), der seinen Sohn sieben Jahre nicht gesehen hat, nicht in ihrer Nähe haben. Und Axel wehrt sich nicht wirklich und starrt nur und schweigt.

Wie kommen sie wieder ins Leben, die Koma-Patientin und ihre nur mehr scheinlebendigen Angehörigen? Und gibt es überhaupt ein Leben draußen zwischen Möbel-Soundso und Soundso-Markt? Es ist die Stärke – und auch gute Mühe – dieses Films, dass er darauf keine schnelle Antwort weiß. Er probiert Antworten, stellt Leute zueinander, lässt sie sich mit Blicken und vorsichtigen Berührungen abtasten, und vielleicht auch wieder ablassen voneinander.

Sicher, die junge Karla und dieser versteinerte Axel könnten sich ineinander verlieben: Das wäre ein Plot. Oder Karla könnte sich mit ihrer Mutter versöhnen oder auch nur mit dem rührend tumben Frank (Daniel Brühl), der seiner Liebe eines vergangenen Sommers hilflos hinterherfährt in seinem Polizeijeep vom Lande. Oder Axel könnte sich mit seiner Frau versöhnen, über eine Erschöpfung hinaus. Aber nichts davon ist ausgemacht. Außer, dass man vielleicht doch aufbrechen muss aus der allseits paralysierten Kastenwürfelwelt, wenn es mit dem Leben noch irgendwas werden soll.

Michael Klier, der zusammen mit Undine Damköhler das Drehbuch geschrieben hat, folgt diesen selbst freigeschlagenen Pfaden mit Melancholie, achtsamer Zärtlichkeit und mitunter sehr leisem Humor. Und die Filmbilder von Hans Fromm rücken einem den schneelosen Dauerwinter von Farland ebenso nahe wie die Gesichter, in denen er sich irgendwann zu spiegeln scheint. Es sind die wunderbar unstete Laura Tonke und der verschlossene Schmerzensmann Richy Müller, die schon im Kontrast zueinander die schönsten Momente haben, aber auch Daniel Brühl und Karina Fallenstein machen aus ihren kleinen Rollen Großes: alle aufs Äußerste reduziert, irgendwie komatös mitten im Leben.

„Farland“, die ziemlich bruchlose Übertragung der Nachwende-Heimatlosigkeit von „Ostkreuz“ in unser zukunftsloses 21. Jahrhundert, ist wie alle Klier-Filme ein äußerst verletzlicher Film. Wer so radikal auf Minimalismus setzt, riskiert, dass manche Leute die Sache bald zu klein finden; und wer seine Helden ganz der Sprödigkeit der Alltagssprache überlässt, läuft Gefahr, dass mancher irgendwann die „Hallos“ dieser allzukleinen Helden zu zählen beginnt, heiser geräusperte Lebenszeichen von Zufallstreff zu Zufallstreff. Wer sich aber öffnet für „Farland“ und seine meisterlich seismografierten Menschenregungen gegen die Hoffnungslosigkeit, dem öffnet sich eine Welt.

Babylon, Hackesche Höfe, Neues Kant

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