Kultur : Fremde Blicke

Eine eindrucksvolle Sammlung diplomatischer Augenzeugenberichte aus dem „Dritten Reich“.

von

Kaum etwas fällt schwerer, als Geschichte zu beurteilen in dem Moment, da sie sich ereignet. Sind die wahrgenommenen Ereignisse überhaupt Teil dessen, was im Rückblick „Geschichte“ genannt zu werden verdient – oder doch nur Begleitmusik, bisweilen vielleicht lauter, aber eben doch nur: begleitend? Mit diesen Fragen muss sich beschäftigen, wer Augenzeugenberichte aus dem „Dritten Reich“ zur Hand nimmt. Was konnte, was musste man sehen – und was blieb auch dem scharfsichtigsten Zeitgenossen womöglich verborgen? Die Berichte ausländischer Diplomaten zählen schon von ihrem Charakter als Dienstpost her zu den bedeutendsten Quellen. Diplomaten haben gelernt, Fakten und Fiktionen zu unterscheiden, sie verfügen über Primärquellen in Gestalt hochrangiger Gesprächspartner, sie haben aufgrund ihres Rechtsstatus’ sehr oft die Möglichkeit, auch offiziell missliebige oder gar gefährdete Personen zu kontaktieren. Es war jedoch – mit den Worten André François-Poncets, des französischen Botschafters in der Nazizeit – „weniger ein Problem, Informationen zu sammeln als unter denen, die uns reichlich zugetragen wurden, Wahres vom Falschen zu unterscheiden“. Die Depeschen aus der Reichshauptstadt Berlin und aus der Vielzahl von Städten mit konsularischen Vertretungen sind solche erstrangigen Quellen, die freigelegt zu haben das allererste Verdienst des von Frank Bajohr und Christoph Strupp herausgegebenen Buches darstellt.

Man muss nur, beispielsweise, den Bericht des konsularische Geschäftsträgers Italiens vom 5. August 1943 aufschlagen, also kurz vor dem sich bereits ankündigenden Ausscheiden Italiens aus dem Kriegsbündnis mit Hitlerdeutschland. Darin schildert der Geschäftsträger Cossato die Folgen des Goebbel’schen Aufrufs an Frauen, Kinder und Alte, Berlin zu verlassen. „Die bereits durch Nachrichten von den Schrecken der Zerstörung Hamburgs erschütterte Bevölkerung ging von einem unmittelbar bevorstehenden feindlichen Angriff aus und wurde von Panik ergriffen. Es gab Unzählige, die nur mit Handgepäck ausgestattet die Bahnhöfe stürmten … Der erlittene Schock ist groß in einer Metropole wie Berlin, die heute circa fünf Millionen Einwohner hat.“ Im Buch schließt sich unmittelbar der Bericht des Schweizer Konsuls in Köln vom 5. Oktober 1943 an: „Wer heute durch Deutschland herumfährt, gewinnt den Eindruck, dass sich eine Art Völkerwanderung abspielt, die durch die Luftangriffe ausgelöst ist. Neuerdings sind auch schon Anfänge einer Fluchtbewegung vor einer russischen Invasion zu beobachten.“ Und weiter: „Zur Behandlung der Judenfrage sickert immer mehr durch, dass die evakuierten Juden restlos umgebracht worden sind … Sämtliche Güter von Juden sind zur Dotation an Feldmarschälle benutzt worden.“

241 diplomatische Zeugnisse haben Bajohr und Strupp versammelt. Sie entstammen den jeweiligen nationalen Archiven und sind mit Ausnahme der angelsächsischen Berichte ins Deutsche übertragen worden. Das ist für die Zwecke einer solchen Dokumentation angemessen, und den Blick in die originalsprachlichen Texte mag tun, wer Feinheiten der Begriffsbildung aufspüren will. Denn natürlich geht es auch um Feinheiten, etwa wenn die Verfolgungsmaßnahmen gegenüber Juden zur Sprache kommen und die Reaktionen der deutschen Bevölkerung, wie sie insbesondere nach den Pogromen der so genannten „Reichskristallnacht“ breiten Raum in den Berichten einnehmen. Die Berichte unterstreichen, was stets bekannt, in den jüngere Publikationen etwa zur Verstrickung der Deutschen in das materielle Belohnungssystem der Nazis oder gar zum „exterminatorischen“ Antisemitismus ausgeblendet worden ist: dass, wie der US-Generalkonsul von Stuttgart am 12. November 1938 schreibt, dass die große Mehrheit der nichttjüdischen Bevölkerung die gewaltätigen Ausschreitungen ablehnt. Dass die Gewalttaten „geplant“ waren und „mitnichten spontan, wie die deutsche Presse jedermann glauben machen will“, gehört gleichfalls zu den Beobachtungen, die Generalkonsul Samuel Honaker jedenfalls aus dem bürgerlichen Milieu Stuttgarts zusammengetragen hat.

Andererseits macht Frank Bajohr in seiner Einleitung darauf aufmerksam, „dass die Ablehnung offener Gewalt gegenüber Juden keineswegs bedeutete, die antijüdische Politik als solche abzulehnen“. Gewiss, „die Kritik an der gewalttätigen Praxis der Judenverfolgung sollte nicht jenen anti-jüdischen Konsens verdecken, der sich nach sechsjähriger Herrschaft des Nationalsozialismus herausgebildet hatte, demzufolge Juden keine Deutschen waren und das Land möglichst vollständig verlassen sollten“. Die weitere Entwicklung zum Holocaust, schreibt Bajohr, könne „schwerlich mit einem ,eliminatorischen Antisemitismus’ der Bevölkerung erklärt werden. Nicht die anti-jüdische Politik als solche, aber der Massenmord markierte eine Bruchstelle im gesellschaftlichen Konsens“. Bajohr beklagt das weitgehende Fehlen von Informationen über die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die zunehmenden Berichte über Massenmorde – bereits im Juni 1942 war das Wort „vergast“ offenbar weithin verbreitet –, hat aber die Antwort im Grunde selbst parat. Nach dem Tausend-Bomber-Angriff der RAF auf Köln in der Nacht auf den 31. Mai 1942 habe die Bevölkerung die Nerven „vollkommen verloren“, wie der Schweizer Diplomat mitteilt. Die Angst ums eigene Überleben verdrängt von nun an alle anderen Sorgen und Gedanken.

Als Erkenntnisgewinn aus den Diplomatendepeschen macht Bajohr aus, dass sie „sich durchaus signifikant von den Meldungen des NS-Regimes oder den sozialistischen Exilberichten unterschieden“: Gewalt und Repression werden weder, wie in ersteren, verschwiegen noch, wie in letzteren, überbetont. „Die diplomatischen Berichte bieten demgegenüber eine deutlich ausbalanciertere Perspektive.“

F. Bajohr, Chr.Strupp (Hrsg.): Fremde Blicke auf das „Dritte Reich“. Berichte ausl. Diplomaten über Herrschaft und Gesellschaft in Deutschland 1933- 1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 600 S., 42 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben