Kultur : Fremde Schatten

Die Galerie Argus Fotokunst entdeckt die argentinische Starfotografin Annemarie Heinrich

Hans-Jörg Rother

Eigentlich hatte sie Tänzerin werden wollen, aber damals galt in bürgerlichen Familien das Wort des Vaters. So musste sich Annemarie Heinrich als Vierzehnjährige ans Klavier setzen, um den Geige spielenden Vater zu begleiten.

Da tingelten die beiden schon durch die Bars der City von Buenos Aires, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf der Flucht vor der wirtschaftlichen Not war die Familie 1926 nach Argentinien ausgewandert. Doch das junge Mädchen, 1912 in Darmstadt geboren und in Berlin aufgewachsen, setzte seinen Kopf durch. Eine Karriere als Tänzerin kam zwar nicht mehr in Frage, aber noch im Jahr der Flucht begann Annemarie Heinrich eine Fotografenlehre. Schon mit neunzehn sollte sie ein eigenes kleines Fotostudio eröffnen, in dem bald Anfängerinnen wie auch Stars der reüssierenden Film- und Tanzszene der argentinischen Hauptstadt ihre Porträts in Auftrag gaben.

1938 posierte dort auf einer Couch eine kurz berockte, noch unbekannte Schauspielerin namens Eva Duarte. Wenige Jahre später sollte sie an der Seite Juan Peróns in die Politik gehen. Annemarie Heinrichs vorteilhaft ausgeleuchtete und mit viel Sorgfalt retuschierte Arbeiten fanden reißenden Absatz. Kaum ein bedeutender Sänger, Tänzer, Schauspieler Argentiniens, der nicht von ihr in eine Fotoikone verwandelt worden wäre. Sogar Jorge Luis Borges setzte sich 1966, schon fast erblindet und schwer auf seinen Stock gestützt, dem theatralischen Caravaggio-Halbdunkel der Fotografin aus. Auch Yehudi Menhuin, der einen langen Schatten an die Wand warf, und ein schwermütig vergrübelter Pablo Neruda saßen 1940 und 1954 bei ihr Modell.

Obwohl sie in der neuen Welt in großen Ausstellungen geehrt wurde, blieb Annemarie Heinrich in Deutschland, das sie erst 1954 wieder sah, nahezu unbekannt. Eine Ausstellung in der Westberliner Akademie der Künste im Jahr 1982 blieb die einzige. Diese Bilder passten weder zu der von Bernd und Hilla Becher angeführten neusachlichen Fotografie, noch standen sie in irgend einem Zusammenhang mit der beliebten Pariser Fotoschule eines Cartier-Bresson oder Kertész. Heute scheinen die Vorurteile den klassischen Atelierfotografien gegenüber zu schwinden, bieten sie doch, neben ihrer Funktion als Zeitzeugen, oft erstaunliche optische Reize. „Ich habe mein ganzes Leben daran gearbeitet, einen Körper, das Licht, einen Reflex zu beobachten“, sagte Annemarie Heinrich rückblickend.

In der Ausstellung der Galerie Argus Fotokunst (zwischen 600 und 2500 Euro) fallen neben den großartigen Porträts vor allem weibliche Akte auf. Aber auch die experimentellen Aufnahmen sind beachtenswert. Damals ermöglichte kein Computer die Demontage eines Gesichts oder die spielerische Projektion eines Doppelporträts (Annemarie Heinrich mit ihrer Schwester Ursula im Jahr 1938) in eine gläserne Kugel. Man musste viel handwerkliches Können mitbringen.

Ein besonderer Schnappschuss gelang Annemarie Heinrich mit dem Panoramablick auf die Hochhäuser von Buenos Aires, zwischen denen auf einer gefährlich schmalen Plattform eine ausgestreckte junge Frau die Mittagssonne genießt. Das Gegenstück zu dieser Allegorie auf die Sorglosigkeit bildet das Porträt dreier auf einem Bahnhof wartender Arbeiter, auf deren Gesichtern die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. „Hoffnung“ heißt diese berührende Aufnahme von 1938. Vor zwei Jahren ist Annemarie Heinrich dreiundneunzigjährig in ihrer zweiten Heimat gestorben. Hans-Jörg Rother

Galerie Argus Fotokunst, Marienstraße 26, bis 23. Dezember, Dienstag bis Samstag von 14–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar