Kultur : Fremdheit als Metapher

Christoph Funke

Jason und Medea treten aus ihrer alten Geschichte heraus und übernehmen heute, in Manhattan, ein Schicksal, das von fortwirkender Schuld gezeichnet ist. Das Weggehen aus der Heimat erkauften sie durch Menschenopfer. Sie brachen das Gesetz und schufen sich ein neues Gesetz, das ihre Zweisamkeit in der Fremde rechtfertigt und lebbar macht. Für Medea gilt es, allen Widrigkeiten zum Trotz. Für Jason nicht. Er flieht aus dem Gebundensein, bricht auf zu einem bequemeren, auch zu einem ihm eigenen Dasein. Medea wird durch diesen Verrat zum Handeln gezwungen. Sie vernichtet die Braut des Mannes und tötet das eigene Kind: "Das war mein Gesetz, Jason / dir zu folgen und meiner Stimme / Und das war eins für lange Zeit / meiner Stimme zu folgen und dir / Jetzt / ist kein Gesetz mehr / Außer mir". Medea sucht und verwirklicht für sich das Dauernde. Heimatlosigkeit begreift sie als Fortschreibung eines gegebenen, selbst gewählten Zustands. Sie bleibt fremd nach außen, um ihre Liebe bewahren, eingrenzen, schützen zu können. Das Prinzip der Wandlung, der Metamorphose, bleibt ihr fremd. Und sie bewahrt den Schmerz, der in ihrer schuldhaften Existenz liegt, als etwas Geheimnisvolles.

Dea Loher gestaltet das mit einer strengen Konsequenz, ohne wohlfeiles Mitleiden. Für ihre Szenen nennt sie Euripides als Ausgangspunkt, tritt aber mit dem Anspruch an, "etwas ganz Neues" zu machen. Dabei lässt sie den Anlass für Flucht und Zusammentreffen von Jason und Medea bewusst im Zwielicht. Vielleicht ein Krieg in Osteuropa, in Mazedonien, vielleicht anderswo. Die Autorin sucht die Berührung der Mythen, der ganz alten, und der in diesem Jahrhundert entstehenden. Das mazedonische Volkslied von der Taube, mit seiner Sehnsucht nach beständiger Liebe, seinem schmerzlichen Wissen um Tod, Zerstörung, Vergänglichkeit wird zur Metapher für Menschenschicksale, die ausweglos bleiben: "Was du besitzt, mein Herz, will ich in Flammen sehen."

Realität also, auch die von Manhattan, tritt zurück, bildet nur den Hintergrund für einen großen Versuch, aus unausweichlichem Zwang heraus anders zu leben und andere, große, unbürgerliche Entscheidungen zu treffen. Dea Loher interessiert, wie sich eine überkommene Geschichte zum Heute verhält, im Heute neu hervorbringt. Urteil und Wegweisung unterbleiben dabei. Wichtig ist ihr die Transformation, die Erneuerung in der Veränderung - eine der Figuren heißt Velazquez, ist Maler und trägt die Bildsprache des Berühmten, sie umformend, weiter. Für die Dramatikerin ereignet sich in Kinderbildern des spanischen Malers ein Übergang von Tod und Leben, vom weiblichen ins männliche Geschlecht. Die Tötung des eigenen Kindes durch Medea wird im Bezug auf diese Bilder unwirklich, der grausame Mord findet in einem fremd-vertrauten Bereich der Kunst, der Weitergabe von Kunst durch die Jahrhunderte statt.

Das Stück verzichtet auf Handlung, auf ein körperlich fixierbares Geschehen zwischen den Figuren. Der Text, poetisch verdichtet, oft rhythmisiert, teilt Befindlichkeiten mit, offenbart Fremdheiten, hindert das Wachsen von Beziehungen. Auch wenn ein Dialog zustande kommt, bleibt er monologisch strukturiert. Ernst M. Binder, der die Idee zu dem Auftragswerk hatte, betreute nun auch die Uraufführung in Graz und, in gleicher Besetzung, die deutsche Erstaufführung in Schwerin. Die Bühne (Luise Czerwonatis) im E-Werk, der kleinen Spielstätte des Staatstheaters, ist in strengem Schwarz-Weiß gehalten. Vier Stufen führen zu einer schmucklosen Schiebewand, die sich mit leichtem Zischen öffnet und schließt. Hinter der Wand - Dunkel, zum Schluss nur ein aus Dunst und Nebel auftauchendes kleines plastisches Modell von Manhattan. Medea, gespielt von Johanna Katrin Gast, betritt diese Stufen nie. Ins Reich des begüterten Textilfabrikanten, dessen Tochter Jason heiraten will, dringt sie nicht vor. Binder betont das Fremdsein der Außenseiterin. Allerdings erreicht die Darstellerin das Mythische, das Außerordentliche der Medea nicht. Sie ist eine sinnlich berührende, tapfere junge Frau, mit Neugier, mit Heiterkeit sogar, vermag den Umschlag in den tödlichen Ernst des absoluten Handelns aber nicht zu zeigen. Hier wird eher zeitgenössische Normalität geboten, die eben mal zu Rache und Mord greift. Jakob E.G. Kraze kommt mit Jason, mit der Verwunderung und dem lässigen Trotz des Ungetreuen, besser zurecht. Er macht in verquerer Lässigkeit den Widerstand gegen eine Lebenshaltung deutlich, deren Unbedingtheit sich der Figur entzieht. Tony Thompson, Thorsten Merten, Gottfried Richter fügen sich in eine auf szenische Effekte völlig verzichtende, mitunter hörspielhaft karge Aufführung, die emotionale Steigerungen bewusst der Musik überlässt.

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