Kultur : Friedens-Nobelpreis: Der gemalte Hunger

Franka Baumeister

Asien gründlich verändert - so lautete der Titel eines 1932 erschienenen Buchs von Egon Erwin Kisch, das eine messianische Hoffnung zum Ausdruck brachte: Asien war das Mekka der Revolution, die von Sowjetrussland und China aus ihren Siegeszug rund um die Welt antreten würde. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Heute fegt ein anderer Sturm über Asien, ein kapitalistischer wind of change, der von Japan und den "Tigerstaaten" Südostasiens aus bis in entlegenste Winkel des Kontinents bläst: Nicht nur in die mongolische Steppe, auch in die Dschungelbasen der Roten Khmer zieht mit Laptops und Mobiltelefonen die Marktwirtschaft ein. Ostasien platzt aus allen Nähten vor neureicher Vitalität, und was der US-Army im Vietnamkrieg nicht gelang, schafft die Allianz von Mercedes, Marlboro und Benetton im Schlaf: Die letzte Bastion der Diktatur, das stalinistische Nordkorea, schickt sich an, ihre Tore zu öffnen.

Aber der Optimismus ist verfrüht, denn Marktwirtschaft und Demokratie gehen nicht automatisch Hand in Hand, wie China oder Burmas Militärregime zeigen; selbst am Demokratieverständnis in Japan oder Singapur sind Zweifel erlaubt. Diese und andere Fragen beherrschten ein internationales Schriftstellertreffen, zu dem die koreanische Daesan-Stiftung Dichter, Denker, Literatur- und Sozialwissenschaftler nach Seoul einlud: Nigerias Nobelpreisträger Soyinka, der albanische Romancier Ismail Kadare, der amerikanische Lyriker Gary Snyder, der Soziologe Pierre Bourdieu und der Berliner Poet Uwe Kolbe waren mit von der Partie. Wenn Schriftsteller aus mehreren Ländern zusammenkommen, reden sie über Politik, weil es leichter ist, über Meinungen zu streiten, als sich über Schreibweisen zu verständigen. Hier jedoch ist der Dauerstreit zwischen pro- und antikommunistischen Autoren durch einen neuen Disput ersetzt worden: Stichwort Globalisierung.

Die Phalanx der Gegner wurde angeführt von Pierre Bourdieu, der in seinem Plädoyer dazu aufrief, die Vielfalt der nationalen Kulturen aus dem Zangengriff der Nivellierung und Banalisierung zu befreien - als gehe es noch immer um die Alternative Sozialismus oder Barbarei. Letztere spricht heutzutage denglisch oder franglais, und um den echten Internationalismus von dessen kommerzieller Version zu unterscheiden, artikulierte Bourdieu "Globaleisäschon" mit amerikanischem Akzent - zur Erheiterung des Publikums. Bei Koreas Intellektuellen stieß Bourdieus Anti-Amerikanismus auf Zustimmung: Trotz ihres Sieges über Japan, dessen Besatzungspolitik in unguter Erinnerung ist, sind die USA in Südkorea wegen ihrer Unterstützung diverser Militärregimes unpopulär. Nur Raphael Confiant aus Martinique hielt Bourdieu entgegen, dass dessen Bücher ohne die Globalisierung wohl kaum ins Koreanische übersetzt worden wären.

Shakespeare war ein Araber

Aufschlussreicher war das Gespräch über Literatur, die Wole Soyinka nach zwei Seiten hin abgrenzte: gegen ihre marktgängige Verflachung ebenso wie gegen ihre Unterordnung unter ein Parteiprogramm. Beides ende in ästhetischer Verödung. Sein Plädoyer für die Autonomie der Kunst schloss polemische Seitenhiebe auf die eurozentrische Beschränktheit des kulturellen Kanons im Westen mit ein, gipfelnd in der Behauptung, Shakespeare sei ein arabischer Märchenerzähler gewesen namens Scheik al-Subair - eine ironische Pointe, die das koreanische Publikum nicht verstand. Noch subtiler war eine Anekdote des Beat-Lyrikers Gary Snyder: "Ein chinesisches Sprichwort lautet, dass man einen gemalten Reiskuchen nicht essen kann. Dazu sagt der japanische Zen-Meister Dogen: Die für das Malen des Reiskuchens verwendete Farbe besteht aus Mineralen, Erde und Wasser. Wer behauptet, der Reiskuchen sei nicht echt, sagt damit, dass die Außenwelt nicht existiert. Es gibt kein besseres Mittel zur Stillung des Hungers als einen gemalten Reiskuchen, gemalter Hunger ist stärker als wirklicher."

Nordkorea rosarot

Was ausländische Beobachter am meisten interessierte, der Wiedervereinigungsprozess mit Nordkorea, kam nur am Rande vor. Der Hinweis eines deutschen Tagungsteilnehmers auf den totalitären Charakter des dort herrschenden Regimes stieß bei koreanischen Intellektuellen auf wenig Gegenliebe. Erst beim Gespräch der Schriftsteller mit Staatspräsident Kim Dae-Jung wurde klar, warum. Die Wiedervereinigung des geteilten Landes läge in weiter Ferne, sagte der Staatschef und frühere Dissident, den Südkoreas Geheimdienst aus einem Tokyoter Hotel gekidnapt hatte und der nur dank internationaler Solidarität die jahrelange Haft überstand. Politik der kleinen Schritte sei angesagt, wie Brandt und Bahr sie in den 70er Jahren einleiteten: Abbau militärischer Konfrontation, Familienzusammenführung. Wenn er dieses Ziel erreiche, sagte der Friedensnobelpreisträger, habe er seine Mission erfüllt. Dass auf dem Hintergrund dieser Entspannungspolitik plakative Anklagen gegen das Regime Nordkoreas nicht hilfreich sind, ist verständlich. Weniger verständlich ist, dass südkoreanische Intellektuelle, die ihr eigenes Land schonungsloser kritisieren, Nordkorea durch eine rosarote Brille sehen und den Propagandamärchen, die Luise Rinser von dort mitbrachte, Glauben schenken. "Luise Rinser hatte Recht," sagte ein prominenter Autor, der mehrmals mit dem Großen Führer in Pjöngjang gesprochen hatte und dafür in Südkorea ins Gefängnis gewandert war: "Kim Il Sung war ein weiser Mann, aber sein Regime hat viele Menschen umgebracht." Auf die Frage, ob dessen Nachfolger Kim Jong-Il ein Genie, ein Wahnsinniger oder keins von beidem sei, antwortete er, alles zugleich treffe zu, und erzählte lachend, in Nordkorea seien alle Menschen sehr mager, nur Kim Jong-Il sei wohlgenährt. Die Diskrepanz zwischen privater und öffentlicher Rede ist eben in Ostasien schärfer ausgeprägt als in Europa.

Das gilt besonders für ein in seiner Identität verunsichertes Land wie Korea, dessen traditionelle Kultur vom Konfuzianismus, später von japanischen und amerikanischen Einflüssen überlagert wurde. Schriftsteller gelten hier noch immer als Gewissen der Nation; vielleicht war das der Grund, warum sich die koreanischen Autoren selten spontan äußerten und ihre Beiträge lieber vom Papier ablasen.

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