Friederisiko : Auf dem Holzweg

Problemfall „Friederisiko“: Am Ende wird man wieder ins Freie ausgespuckt, frustriert statt inspiriert. Warum alte Schlösser sich einfach nicht für Großausstellungen eignen.

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Heißer Boden. Das restaurierte Tressenzimmer im Unteren Fürstenquartier im Neuen Palais von Schloss Sanssouci. Foto: dapd Foto: dapd
Heißer Boden. Das restaurierte Tressenzimmer im Unteren Fürstenquartier im Neuen Palais von Schloss Sanssouci. Foto: dapdFoto: dapd

Versailles, Neuschwanstein, Petersdom, Alhambra: Namen, die dem Bildungsbürger den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Sehenswürdigkeiten, die man besucht haben muss, von denen man dann aber tatsächlich kaum etwas mitbekommt, weil sie im Würgegriff des Massentourismus gefangen sind. Wie soll man die Größe dieser Plätze ermessen, ihre Aura spüren, geschweige denn ihre Schönheiten en detail studieren, wenn eine Besichtigung nur im Schnelldurchlauf möglich ist? Augen auf und durch, am Ende müssen Postkarten und Bildbände dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, weil vor Ort die Sinne ganz durch die Ausdünstungen der Mitbesichtigenden benebelt waren.

Wie ruhig, wie altertümlich ging es dagegen stets im Neuen Palais zu, im Repräsentationsbau Friedrichs des Großen, ganz am Ende des Parks von Sanssouci. Jetzt aber ist auch hier die Zeit der Filzpantoffeln vorbei. Seit Menschengedenken stieg man am Eingang in die übergroßen grauen Latschen, um dann – ungeschickt erst, später souveräner – über kühle Marmorböden und edles Intarsienparkett zu schlurfen, immer dem Fremdenführer hinterher. Als menschliche Bohnermaschine.

Dieser Dienst des Besuchers am historischen Monument ist jetzt nicht mehr gefragt. Die „Friederisiko“-Ausstellung, mit der die Schlösserstiftung den 300. Geburtstag des größten Preußenkönigs feiert, betritt man in Straßenschuhen. Und wird dann gegängelt: Zum Schutz der wertvollen Bodenbeläge wurden „Pfade“ durch die Zimmerfluchten gelegt, Holzbrücken, gerade so breit, dass zwei Erwachsene aneinander vorbeikommen. Eine teuflische Erfindung. Denn sobald sich ein paar mehr Menschen im Schloss aufhalten, gerät der Einzelne in den Sog der Masse. Unmöglich, stehen zu bleiben, ein Detail des Interieurs zu betrachten, die Machart der seidenen Wandbespannung zu studieren oder die eleganten Rokoko-Schwünge der Stuckverzierungen. Hier gibt es nur eine Möglichkeit: weiter, vorwärts. Pfeile auf dem Boden weisen den Weg, immer Richtung „Exit“. Ein kategorischer Imperativ: Platz machen für die Nachrückenden!

1000 Personen dürfen sich aus konservatorischen Gründen maximal in dem Prunkbau aufhalten. Darum gibt es Eintrittskarten, auf denen ein sogenanntes „Zeitfenster“ vorgeschrieben ist, also eine exakte Uhrzeit, zu der man das Gebäude durch einen der vier farblich kontrastierend gekennzeichneten Eingänge betreten darf. Wer sich nicht daran hält, bleibt draußen. Also sind die Leute überpünktlich, gegen halb zwölf Uhr mittags kommt es im Info-Zelt regelmäßig zu dramatischen Szenen. Dann sind nämlich alle Audioguides im Umlauf, und die jungen Damen hinter der Theke senden Stoßgebete zum Himmel, dass ihre Kollegen bald mit einer Kiste zurückgegebener Geräte aus dem Schloss herübereilen mögen. Denn das Gemurmel der Wartenden beginnt schon bedrohlich anzuschwellen.

Dieser Zwang zum Audioguide ist die zweite Geißel des modernen Schlossbesuchers. In Sanssouci, dem begehrtesten aller preußischen Ausflugsziele, wird das Prinzip schon seit längerem angewendet. In der Hochsaison, also zwischen April und Oktober, ist man gezwungen, auf einem schmalen, genau festgelegten Parcours die Räume abzuschreiten, bewaffnet mit einem obligatorischen Audioguide. Die Gruppe neugieriger Schlossbesucher sammelt sich nicht mehr um einen Fremdenführer, bildet keinen Halbkreis der Lauschenden mehr, sondern zersplittert in lauter einsame Kopfhörerträger.

Auf den langen, ebenen Rollbändern, wie man sie von Großflughäfen kennt, hat das Individuum wenigstens die Wahl zwischen „rechts stehen“ und „links gehen“. Hier, auf den viel zu schmalen „Pfaden“, ist jedes „Verweile doch!“ ausgeschlossen. Zäh fließender Verkehr in allen zwölf Abteilungen der „Friederisiko“-Schau. Irgendwann beginnt man, nur noch mit glasigem Blick in der Masse mitzuschwimmen. Am Ende wird man wieder ins Freie ausgespuckt, frustriert statt inspiriert.

Der runde Königsgeburtstag hat sein Neues Palais vom Geheimtipp zum Tummelplatz gemacht. Bei der Sonderausstellung werden bis zum 28. Oktober 350 000 Menschen erwartet. Volksbildung in großem Stil – ein kapitales Missverständnis. Denn Schlösser sind nun einmal nicht für die moderne Massentouristenhaltung gemacht. Sie funktionieren nicht wie Gemäldegalerien. In den Häusern, die der Malerei gewidmet sind, tritt die Architektur in den Hintergrund, geht es darum, die Kunstwerke intensiv und einzeln wahrzunehmen. Da kann so ein Audioguide im Idealfall sogar zur Sehhilfe werden, wenn man dank der ins Ohr geflüsterten Informationen kunstgeschichtliche Bezüge versteht oder Symbolisches zu entschlüsseln vermag.

In Schlössern dagegen sind nicht die drittklassigen Ölschinken an den Wänden die Attraktion, die Ahnenporträts, Schlachtendarstellungen oder Stadtveduten, sondern die Orte selber. Als Stein gewordener Ausdruck von Sozialgeschichte. Was sagt der Grundriss über die Rituale der Macht aus, welchen Zwecken dienten die Zimmerfluchten? Wie versuchten die Adligen, es sich in den Repräsentationsräumen halbwegs bequem zu machen, wo durften sich die Diener bewegen, welche Türen waren nur den Herrschaften vorbehalten? Wer ein Schloss besucht, will Tratsch und Klatsch von früher hören, Anekdoten aus dem Leben der Hochwohlgeborenen, Adelsgossip. So kann auch der Laie in die Geschichte einzutauchen. Dafür braucht man nicht zwingend graue Filzpantoffeln – aber auf jeden Fall einen Cicerone, einen Geschichte-Erzähler. Also einen lebendigen Menschen, der als Mittler zum Gestern fungiert, dem man auch Fragen stellen kann, mit dem sich vielleicht gar ein Dialog entspinnt.

Der Audioguide ist kein Ersatz. Mit ihm gibt es nur Einbahnstraßen. Was besonders im Fall der didaktisch aufwendig inszenierten „Friederisiko“-Ausstellung tragisch ist. Weil sie ja just das Ziel verfolgt, die Lebenswirklichkeit des alten Fritz abzubilden, weil es ihr genau darum geht, das 18. Jahrhundert lebendig werden zu lassen.

Wer wirklich den Geist des Preußenkönigs treffen will, der warte bis zum Winter. Unvergesslich diese Führung durchs Neue Palais an einem Novembertag, mit einem Häuflein Gleichgesinnter, alle in dicke Mäntel gehüllt und weiße Atemwolken ausstoßend, weil dieses Sommerschloss eben nicht beheizbar ist. Erinnerungen, an denen man sich wärmen kann, wenn man sich dann mal wieder durch das Nadelöhr zu einem der Touristen-Hotspots dieser Welt quält.

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