Kultur : Frisch begonnen

Rau und Putin eröffnen die deutsch-russischen Kulturjahre

Bernhard Schulz

Umrahmt von einem Konzert der St.Petersburger Philharmoniker, haben Bundespräsident Johannes Rau und der russische Staatspräsident Wladimir Putin im Berliner Konzerthaus die „Deutsch-Russischen Kulturbegegnungen 2003/2004“ eröffnet (siehe Tagesspiegel vom 8. Februar). In ihren Ansprachen würdigten beide Präsidenten die Kultur als Fundament der deutsch-russischen Beziehungen. Rau sprach Putin auf dessen Rede vor dem Bundestag an, wo der russische Präsident betont habe, dass „Kultur immer unser gemeinsames Gut war und die Völker verbunden hat“.

Beide Präsidenten betonten, dass viele Werke der eigenen Kultur auf dem Boden des jeweils anderen Landes entstanden sind. Rau hob dabei chronologisch mit Leibniz und Lomonossow an, um mit dem russischen Komponisten deutscher Herkunft, Alfred Schnittke, zu enden, der „in Deutschland und in Russland gleichermaßen geschätzt“ werde. Putin erwähnte den Fund zweier Opernpartituren von Michail Glinka in der Berliner Staatsbibliothek. – Es handelt sich übrigens um Abschriften; die Originale selbst sind in Russland verschollen.

Überhaupt waren die beiden Staatsoberhäupter bemüht, im Gleichtakt zu sprechen. Dass beide den bleibenden Segen der Kultur für die Beziehungen der beiden Nationen hervorhoben, war zu diesem Anlass zu erwarten. Beide suchten aber zugleich, das Erbe der Vergangenheit – und das heißt in den deutsch-russischen Beziehungen stets das des Zweiten Weltkriegs – neu zu gewichten. Rau nannte es „ein wichtiges Zeichen“, dass Putin „vor einer Woche in Wolgograd auch der gefallenen deutschen Soldaten gedacht“ habe. Putin wiederum schritt von der Feststellung, dass „Millionen von Menschen gefallen“ und „unwiederbringliche Kunstschätzte für immer verloren gegangen“ seien, fort zu dem „Wunsch, dass Deutschland eine objektive Vorstellung vom neuen Russland erhält, die über den Rahmen der längst veralteten Klischees hinausreicht“.

In solcher Perspektive wäre es sicher angebracht gewesen, das Musikprogramm ein wenig zeitgenössischer zu gestalten. So mussten Beethovens Coriolan-Ouvertüre und Tschaikowskys 4. Sinfonie für die von Putin beschworene „gegenseitige Anziehungskraft unserer Länder“ einstehen, kraftvoll, vielleicht ein wenig zu forciert dargeboten von den Petersburgern unter Michail Pletnev. Aber das Zeitgenössische wird im Programm der „Deutsch-Russischen Begegnungen“ schon noch zu seinem Recht kommen. Fürs Erste gilt mit Putins auf Deutsch gebotenem Reimwort: „Frisch begonnen ist halb gewonnen.“

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