Kultur : Frische Wäsche

Jakob Hein lernt in seinem neuen Roman von den USA

Bodo Mrozek

Wenn einer eine Pauschalreise tut, dann packt er einen großen Koffer. Was aber nimmt einer mit, der ein ganzes Jahr lang reisen möchte? Weiße Unterhosen, Jeans, Pullover, Rasierzeug, einen Kugelschreiber und einen alten Terminplaner. Mehr als eine Tasche, so klein wie ein Kopfkissen, braucht Jakob Heins Ich-Erzähler nicht.

Jakob Hein ist Schriftsteller und Kinderpsychiater, in Berlin wohl bekannt als eloquenter Moderator und Vorleser auf diversen Lesebühnen. Sein neues Buch „Formen menschlichen Zusammenlebens“ setzt ungefähr da ein, wo sein voriges aufhörte. Der Debütroman „Mein erstes T-Shirt“ (Piper 2001) handelte von einer Kindheit in der DDR. Er folgte dem Trend zur frühzeitigen Autobiografie und zum poetisch ungefilterten, munteren Draufloserzählen. Das titelgebende T-Shirt war eigentlich ein Nicki. In der Tasche des Ich-Erzählers hat dieses Hemdchen diesmal keinen Platz. Die Kindheit will er nun möglichst weit hinter sich lassen – um zu suchen, was schon das Ende des vorigen Romans versprach: „neue Lebensziele in der Wunderwelt des Kapitalismus“.

In New York zum Beispiel hat fast jeder zwei Berufe: einen imaginierten, meist künstlerischen Traumberuf und einen realen Job, der weitmöglichst davon entfernt ist. Der 17-jährige Ich-Erzähler darf in einem Café in einem der heruntergekommensten Bezirke an der 39. Straße arbeiten. Doch vom Tellerwäscher führt leider doch kein Weg zum Millionär. Es ist das New York der frühen neunziger Jahre, das noch keine „zero tolerance“ kennt. Seine mageren Ersparnisse lernt der Reisende in einer Plastiktüte im Schuh bei sich zu tragen. Zwanzig Dollar hält man immer für den nächsten Überfall eines Crack-Süchtigen parat, zum Beispiel für den Mann in der blauen Sportjacke, der in der gut gefüllten U-Bahn seine Waffe zeigt.

Jakob Hein schildert die neue Welt mit dem Blick des gänzlich Ahnungslosen, eines Kindes, dass bisher nur die eng begrenzte Welt der DDR kannte. So kann er die fremdartigen Lebensformen zwischen Billigjobs, Dating-System und Fastfood betrachten wie ein Ethnologe. Die Begegnungen mit den ganz normalen Durchgeknallten entfalten eine unfreiwillige Komik. Da ist die Wohngemeinschaftsgenossin von den Philippinen, die darauf besteht, dem fremden Deutschen die Hemden zu waschen und das Essen zu kochen. Oder der französische Einwanderer, dessen hartnäckiger Ehrgeiz darin besteht, so viele Frauen wie möglich auf die Isomatte seiner engen Wohnküche zu legen.

Der Deutsche stolpert durch Wohngemeinschaften und Absteigen, durch New York, Kentucky und Florida, wie durch eine seltsame Traumwelt, in der für größere Träume keine Zeit ist, weil der Alltag schon genug Anstrengung erfordert. Die Reise durch die Staaten führt in die Welt der Halblegalen und Schwerenöter, die sich das Leben in einem Staat, der das Präfix „sozial“ nicht kennt, nur durch ständige Improvisation am Rande der Legalität ermöglichen können. Gegen Ende des Berichtes – wir sind in Richmond/Kalifornien angelangt – plagen den tragischen Helden eine kuppelnde Vermieterin, ein notgeiles Verkäuferpärchen und die Spät- und Langzeitfolgen eines Gewohnheit gewordenen Konsums minderwertiger, quasi-alkoholischer Getränke. Der Leser mag bedauern, dass die Reise nun ein jähes Ende nehmen muss – für den Geplagten hat man aber Verständnis.

Das schmale Büchlein mit dem etwas sperrigen Titel liest sich mit derselben zwiespältigen Heiterkeit, mit der etwa Wladimir Kaminer das Leben der Einwanderer in Deutschland schildert. Es erzählt aber auch vom Ankommen in einem anderen System. Als der Protagonist nach einem knappen Jahr in das vereinigte Deutschland zurückkehrt, ähnelt seine Heimat plötzlich auffallend der seltsamen Wunderwelt, die er so eingehend studiert hat. Auch in Ost-Berlin führen nun seitenlange Getränkekarten die Namen amerikanischer Mixgetränke auf. Man benutzt englische Redewendungen und gibt sich zur Begrüßung nicht mehr die Hand.

Vielleicht war die USA-Reise des Ostdeutschen Jakob Hein genau die richtige Vorbereitung auf den Kapitalismus – und vielleicht sind seine Aufzeichnungen sogar eine gute Vorbereitung auf das, was auch hier zu Lande noch kommen mag. Gut, dass Jakob Hein seinem Erzähler wenigstens einen Kugelschreiber mit ins knappe Reisegepäck gegeben hat.

Jakob Hein: Formen menschlichen Zusammenlebens. Piper Verlag, München 2002, 150 Seiten, 12 €.

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