Fritz Marquardt : Last und Lust

Zu den Theaterleuten, die sich von den herrschenden Bedingungen ihre Arbeit nicht vorschreiben lassen, gehört Fritz Marquardt. Er verkauft sich an keine ideologische Vorgabe, an kein ästhetisches Konzept. Zum 80. Geburtstag des Regisseurs.

Christoph Funke
Marquardt
Fritz Marquardt -Foto: Ullstein

Unangepasst geht er seinen Weg, nicht trotzig, sondern mit Humor. Nur scheinbar in sich gekehrt, verfügt der Regisseur, Schauspieler, Autor, Maler und Zeichner über eine unerschöpfliche Fantasie. Seine Inszenierungen nehmen gefangen durch Sinnlichkeit, Poesie und Genauigkeit.

Marquardt kam auf verschlungenen Umwegen zum Theater, war zuvor Landarbeiter, Traktorist, Lagerarbeiter. Geboren in Warthebruch in der Neumark, studierte er Philosophie und Ästhetik an der Humboldt-Universität. Wegbegleiter findet Marquardt in dem Philosophen Wolfgang Heise, dem Schauspieler Hermann Beyer, den Regisseuren Benno Besson und Matthias Langhoff. Am folgenreichsten ist die Beziehung zu Heiner Müller.

Im großen Jahrzehnt der Berliner Volksbühne unter Benno Besson, das 1969 beginnt, setzt sich Marquardt mit enormer schöpferischer Kraft durch. Revolutions- und Märchenstücke bringt er auf die Bühne, auch Molières „Der Menschenhasser“. 1976 inszeniert er Heiner Müllers „Die Bauern“ und wagt damit ein Abenteuer. Unter dem Titel „Die Umsiedlerin“ hatte B. K. Tragelehn das Stück 1961 mit Studenten der Hochschule für Ökonomie Karlshorst zur Uraufführung gebracht mit schlimmen Folgen für die verantwortlichen Theaterleute.

Auch wenn sich 15 Jahre später diese Hysterie gelegt hat, Müller steht noch immer unter misstrauischer Beobachtung. Marquardt geht das Gebirge von Vorbehalten mit einer sehr hellen Inszenierung von großer Klarheit und merkwürdig rauer Schönheit an. Historische Umbrüche, so zeigt die Inszenierung, bürden zwar Lasten auf, können zerstörerisch sein, bergen aber auch hellen Spaß durch die Entdeckung neuer schöpferischer Möglichkeiten. Dieser Art, Theater zu machen, bleibt Marquardt treu: am Berliner Ensemble, zu dem er Mitte der achtziger Jahre stößt und dessen Direktorium er nach 1991 für einige Jahre angehört, aber auch in München, Bochum, Mannheim, Amsterdam. Immer wieder inszeniert er Texte von Heiner Müller, so am BE im Januar 1989 „Germania Tod in Berlin“, dazu Stücke von Ibsen, Barlach, Seidel. Nach Heiner Müllers Tod 1995 zieht sich Fritz Marquardt vom Theater zurück. Heute feiert er 80. Geburtstag. Für August kündigt „Theater der Zeit“ ein Buch von Fritz Marquardt an: „Wahrhaftigkeit und Zorn“. Christoph Funke

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