Fritz Rudolf Fries : Galopp auf Nebenwegen

Fritz Rudolf Fries erfindet sein Leben und erzählt das eigene Leben im Lichte seiner nicht gelebten Optionen.

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Das Jahrhundert endet in einem Garten an der Berliner Peripherie mit der totalen Sonnenfinsternis des August 1999 – also bedeutungsschwer. Für den Erzähler in Fritz Rudolf Fries’ Roman wird es das „amerikanische Jahrhundert“ gewesen sein, freilich ein „von sowjetischen Truppen flankiertes“ Säkulum. Es beginnt im Spanischen Bürgerkrieg und führt in deutsche Bombennächte sowie zu einmarschierenden amerikanischen Soldaten mit Schokolade und Jazz im Tornister.

Dann werden politische Markierungen der DDR-Geschichte gestreift: der 17. Juni, der Aufstand in Ungarn 1956, der Prager Frühling. In familiärer Hinsicht profilieren sich besonders die nur Spanisch sprechende Großmutter des Erzählers und der unergründliche Onkel Alfredo – zu Hause zwischen Buenos Aires und Moskau, ein Doppelagent auf allen Seiten der Barrikaden. Nicht zu vergessen die skeptischen Cousinen Concha und Clara, zu denen der Erzähler seine oft kleinteilige und episodenhafte Geschichte hin erzählt.

Man könnte meinen, hier würde das Leben des Autors Fries aufgerollt. Denn der wurde 1935 im baskischen Bilbao geboren, 1942 „heim ins Reich“ nach Leipzig geholt, studierte dort und lebt heute am Rande Berlins. Doch diese autobiografische Selbstvergewisserung erzählt zugleich die Geschichte von Fries’ Romanhelden: allen voran von Arlecq und Paasch, Falk, Anne, Stanislaus und dem lieben Gott aus dem „Weg nach Oobliadooh“. Das war der erste jener Fries-Romane, die in ihrer polyglotten Weltläufigkeit, ihrem unerhörten ironischen Pathos und ihren fantastischen Um- und Abwegen Fremdkörper blieben in einer schmalen Welt namens DDR.

Fries, auch heute noch fast jugendfrisch als animal fabulator, erzählt das eigene Leben im Lichte seiner nicht gelebten Optionen. Dabei verschränken sich das Lebens- und das Literatur-Wirkliche so, dass man von Auto-Bio-Fiction sprechen könnte, der Selber-Lebens-Erfindung. Gern würde Fries vermutlich jene Szene des eigenen Lebens umerfinden, in der er dem Dauerwerben der Staatssicherheit unterlag und zum IM wurde. „Hier hättest du“, kommentieren die Cousinen, „deinen Hut nehmen sollen und dich davonmachen müssen.“ Hätte er mal, seufzen auch seine Bewunderer. Dann wäre Fritz Rudolf Fries heute kein tragischer, sondern ein kanonischer Schriftsteller.

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