Kultur : Frühe Leiden, spätes Echo

ANNETTE PEHNT untersucht in ihrem Familienroman „Chronik der Nähe“ weibliche Erfahrungen und wie sie von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Jörg Magenau

Schweigen kommt in dieser Familie nicht infrage. Schon deshalb nicht, weil es so viel Unausgesprochenes gibt. Jetzt liegt die Mutter im Krankenhaus im Sterben und hält nicht nur den Mund, sondern auch die Augen fest geschlossen. Und so beginnt die Tochter, die sie eine Woche lang Tag für Tag besucht, zu erzählen und sich zu erinnern, um die Mutter damit gewissermaßen am Leben zu erhalten und den Kontakt zu ihr nicht zu verlieren.

„Chronik der Nähe“ heißt der neue, der fünfte Roman von Annette Pehnt. Der Erzählgestus ist ein Ansprechen gegen den Tod, so wie ja jedes Erzählen ein Versuch ist, dem Vergessen und der Vergänglichkeit zu trotzen. Doch hier wird nicht nur erinnerungsselig ein Fotoalbum aufgeblättert, sondern eben auch und vor allem das Unausgesprochene gesucht, das die Nähe stört. Die Tochter erinnert sich all der Situationen, in denen es gelang, die Mutter zum Sprechen zu bringen, und all der Tricks, die nötig waren, um mit ihr endlich einmal gemeinsam eine Reise zu unternehmen. Die Tage in einem Strandhotel auf Rügen liegen noch nicht lange zurück. Nähe war in dieser Beziehung eher die Ausnahmesituation.

Zwei Erzählungen überlagern sich. Auf der einen Seite geht es um das Verhältnis der Icherzählerin zu ihrer Mutter. Sie spricht sie an deren Bett sitzend direkt in der Du-Form an. So rekapituliert sie ihre eigene Kindheit bis zu dem Moment, in dem sie selbst ihre erste Tochter bekam und erstaunt zur Kenntnis nehmen musste, wie wenig ihre Mutter mit der Enkelin anzufangen wusste und wie verstört sie auf Kindergeschrei reagierte.

Die zweite, große Erzählung handelt von der Kriegskindheit der Mutter, ihrer Nachkriegsjugend und von dem schwierigen Verhältnis zu deren Mutter, also der Großmutter der Icherzählerin. In dieser Geschichte heißt die Mutter Annie und wirkt zunächst wie eine ganz andere Person. Auch diese Geschichte reicht bis zur Geburt der Tochter, also der Geburt der Icherzählerin. Es entsteht dadurch weniger ein harmonisch-kontinuierliches Drei-Generationen-Porträt von Großmutter, Mutter und Tochter als zwei Mutter-Tochter-Verhältnisse, die sich überlagern. Darin besteht der Reiz dieser Konstruktion. Manchmal verliert man beim Lesen sogar kurz die Orientierung, in welcher Generation und Zeitebene man sich gerade befindet. Auf diese Unschärfen an den Rändern kommt es an. Vor allem aber ist „Chronik der Nähe“ ein Buch über die Mutter und über die Frage, warum sie so geworden ist, wie sie ist, so spröde, abweisend, bestimmt, liebesbedürftig. Männer haben hier nur Gastauftritte. Sie sterben früh oder sind, wie „der Richtige“ an der Seite der Erzählerin, so sehr mit ihrer Arbeit und ihrer Vorbildlichkeit beschäftigt, dass es über sie offenbar nicht viel zu sagen gibt. Und Söhne scheinen auch schon rein biologisch nicht infrage zu kommen.

Das Interesse Annette Pehnts richtet sich darauf, wie sich Gefühle und Erfahrungen von Generation zu Generation übertragen und wie sie sich im Körper festsetzen. So berichtet die Icherzählerin von der Angst, mit der sie als Kind zu kämpfen hatte, auch wenn sie in behüteten Verhältnissen aufwuchs und es gar keinen Grund dafür gab, sich so rasch und vor so vielen Dingen zu fürchten. Die Mutter dagegen lag als Kind scheinbar ganz ungerührt und allein im Dunkeln im Bombenkeller, der mit Paletten ausgelegt war, weil auf dem Boden das Grundwasser plätscherte. Die Angst ist also nicht da, wo sie hingehört. Sie kommt verspätet und deplatziert zum Vorschein. Das macht aber erst die Überlagerung der Generationengeschichten deutlich. Die Erkenntnis ergibt sich aus der Erzählkonstruktion.

Die Mutter der Icherzählerin ist die interessanteste Gestalt des Buches. Sie verbindet beide Geschichten als Hauptfigur, einmal als Kind, einmal als Mutter. Immer muss sie für die anderen da sein. So, wie ihre Mutter sie einst weinerlich darum bat, nicht wegzugehen und sie nie zu verlassen, so ängstigt sich später ihre Tochter davor, von ihr verlassen zu werden. Dieses Gefühl ist wie ein spätes Echo über eine Generation hinweg.

Die Erlebnisse der Mutter in der Hungerzeit nach dem Krieg, ihre erste Zigarette, ihre halbwüchsigen Liebesexperimente im Stadtpark, ihr Berufsleben als Übersetzerin – all das prägt sich stärker ein als die geradlinig bundesrepublikanische Akademikerbiografie der Icherzählerin. Mit diesem Phänomen, dass die älteren, weniger behüteten Generationen sehr viel mehr zu erzählen haben, hat sich die ganze jüngere deutsche Literatur herumzuschlagen. Die Konjunktur der Großelternbücher beweist das.

Annette Pehnt legt nun aber nicht einfach noch ein Großmutterbuch mehr vor, sondern eine Untersuchung der Übertragungen, der subkutan weitergegebenen, spezifisch weiblichen Erfahrungen. Die Zeiten liegen so dicht übereinander, dass sich eine Art Gleichzeitigkeit der Lebensläufe ergibt. Die Generationenfolge ist eine heftige, andauernde Auseinandersetzung, ein Kampf um Nähe und Distanz, der nie entschieden wird und auch im Moment des Sterbens der Mutter nicht endet.

„Chronik der Nähe“ lässt sich tatsächlich als kleine Geschichte der Bundesrepublik seit 1945 lesen; vor allem aber ist es die sensible, stimmmungsgenaue Chronik eines Annäherungsprozesses, der zugleich ein endgültiger Abschied ist. Die Angst der Erzählerin, etwas kaputt zu machen, ist jederzeit spürbar. Annette Pehnt hat dafür einen leisen, vorsichtigen Ton gefunden, mit dem sie nach Gründen der individuellen Existenz forscht, ohne Antworten geben zu müssen.

Annette Pehnt: Chronik der Nähe.

Roman. Piper Verlag, München 2012.

218 Seiten, 17,99 €.

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