Kultur : Fünf Freunde müsst ihr sein

„The Navigators“, Ken Loachs neuer Agit-Prop-Film, zeigt den Niedergang der British Rail

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Von Daniela Sannwald

Wie Schlagadern zogen sich einst die Schienenstränge der British Railways durchs Königreich: Das weit verzweigte Netz reichte bis in die hintersten Winkel des Landes, sorgte für ein hervorragendes Funktionieren des Post-, Waren- und Personenverkehrs und bot Stoff für jede Menge nationaler Mythen.

Einige der berühmtesten britischen Klassiker sind Eisenbahnfilme: die Dokumentation „Night Mail“ von 1936, Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“ (1938), „39 Steps“ oder David Leans „Brief Encounter“ (1945). Aber die Zeiten, in denen man mit der Eisenbahn buchstäblich Staat machen konnte, sind vorbei; und in den letzten Jahren hörte man immer wieder grässliche Geschichten von schlafenden Gleiswärtern, unzureichend gewarteten Streckenabschnitten und entgleisenden, überfüllten Pendlerzügen. Und nun liefert Ken Loachs liebenswürdig-altmodischer Agit- Prop-Film „The Navigators“ eine Erklärung für das elende Dahinsiechen der einst so stolzen Eisenbahn.

„The Navigators“ spielt im Jahr 1995, als die Privatisierung und Aufsplittung der staatlichen Gesellschaft in mehrere Privatunternehmen begann. Loachs Helden sind fünf Arbeiter, zum Teil gewerkschaftlich organisiert, die nun vor die Wahl gestellt sind, mit einer Abfindung entlassen zu werden oder Verträge mit ihren neuen Arbeitgebern zu schließen, selbstverständlich zu anderen Konditionen als bisher. Loach zeigt die rauen Männer in Sicherheitsjacken, die vor herbstlicher Kälte und Nieselregen in eine kleine Baracke flüchten und erst einmal Tee trinken. Dort hat sie der alte Manager zusammengerufen, um die neuen Regeln, die ihm selbst nicht klar sind, bekannt zu geben. „Ihr seid keine Bahnarbeiter mehr“, sagt er und erntet dafür Gelächter, „ihr müsst einfach akzeptieren, dass eine neue Zeit begonnen hat.“

Die Arbeiter brauchen noch lange, um zu verstehen, dass nicht wie bisher die alte verschlafene, ahnungslose Administration der Klassenfeind ist, die von der harten, gefährlichen Arbeit draußen und der verschworenen Gemeinschaft derer, die sie tun, keine Ahnung hat. Sie brauchen eine Weile, um zu verstehen, dass den neuen, smarten Bosse Sicherheitsbestimmungen und in langen, zähen Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Verwaltung festgelegte Pausen- und Urlaubsregelungen egal sind. Jetzt zählt Wirtschaftlichkeit, und das heißt vor allem: Personalabbau.

Loach verbindet die Geschichten der Arbeiter, die einmal ein Team waren und die nun, jeder auf seine Weise, versuchen, unter den neuen Bedingungen zu überleben. Kurz angerissene private Hintergründe liefern die unterschiedlichen Motivationen für die jeweiligen Haltungen, die zu Klischees geronnen sind: der Unbeugsame, der Übereifrige, der Ängstliche, der Materialist, der Idealist. Loach hat sein Ensemble echter Kerle aus Profis und Laien, richtigen Bahnarbeitern, ausgewählt, und deren Zusammenspiel macht den Reiz des Films aus: Mit lakonischen Witzen in schwer verständlichem Dialekt und immer hilfloser werdenden, sparsamen Gesten zelebrieren sie soziale Rituale, die unter den alten Bedingungen funktionierten, im Angesicht der neuen jedoch obsolet werden. So zeigt Loach, wie ökonomische Veränderungen auch den Niedergang einer Sozialkultur nach sich ziehen: Entsolidarisierung als Merkmal des Postkapitalismus.

Blow Up, Filmkunst 66, fsk, Hackesche Höfe, alle OmU

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