Kultur : Füßescharren

Die 16. Berliner Tanztage starten weiblich

Sandra Luzina

Das neue Jahr bringt – eine neue Frauenbewegung. So lassen zumindest die Tanztage Berlin 2007 vermuten. Bei dem Nachwuchs-Festival, das wie immer die Nase weit vorn hat, gehen diesmal auffallend viele junge Choreografinnen mit ins Rennen.

Ansonsten bietet sich dem staunenden Betrachter dasselbe Schauspiel wie jedes Jahr: lange Schlangen vor dem Kassenhäuschen der Sophiensäle, ungeduldiges Füßescharren, ein Festsaal, der aus allen Nähten platzte. Das bescheidene Budget wird durch einen großen Enthusiasmus auf allen Seiten wettgemacht. Schließlich hofft man, hier die next generation zu entdecken. Die 16. Ausgabe des Festivals bietet eine wilde Mischung: Es sind wieder absolute Anfänger dabei, aber auch junge Talente, die sich durchaus schon einen Namen gemacht haben. Bis zum 14. Januar werden insgesamt 23 Produktionen zu sehen sein, darunter zehn Uraufführungen.

Eröffnet werden die Tanztage von den jungen Choreografinnen Friedrike Plafki und Litó Walkey. Plafki war als Gasttänzerin bei Sasha Waltz zu bewundern und hat bereits mit dem Stück „Kühlkuhgenese“ auf sich aufmerksam gemacht. In „peer to peer“ verfolgt sie einen spannenden Ansatz: Tanz ist für Plafki Kommunikation und Austausch von gleichrangigen Partnern. Also überträgt die Choreografin ihren Tänzern die Verantwortung für das entstehende Stück. „peer to peer“ zeigt ein offenes System, wo jeder Informationen einspeist, aufnimmt, überträgt und modifiziert. Elf Neonröhren begrenzen die Spielfläche.

Das Ganze beginnt in slow motion – mit winzigen Verschiebungen und Schlingerbewegungen. Die Startphase: ein Rekonfigurieren des Körpers. Peu à peu werden kleine Phrasen aufgebaut, es kommt zum ersten Kontakt – bis sich komplexere Bewegungs- und Übertragungsmuster herausbilden. Immer wieder schert einer aus oder springt mitten hinein ins kollektive Geschehen mit neu entzündeter Ausdruckslust. Man sieht Tänzer, die einander beobachten und blitzschnell Entscheidungen treffen. Die Begegnung sind cool und flüchtig, hier heißt es: den anderen ruhig kommen lassen und dann wieder seiner eigenen Wege gehen. „peer to peer“ führt den multioptionalen Menschen vor. Letztlich sind es tanzende Elementarteilchen, die hier ihre Bahnen ziehen, doch die Tänzer kreieren eine Atmosphäre von aufmerksamer Wachheit. Und es ist vor allem Friederike Plakfi selbst, die immer wieder die Blicke auf sich zieht.

Litó Walkey hat für „The missing dance No. 7“ die Bühne auf drei mal sechs Meter beschränkt. Die zwei Girls in ihren schwingenden Röckchen scheinen direkt aus der Bräuteschule zu kommen, sie umkreisen artig einen tapsigen Tanzbären, der gutmütig lächelt. Kleine Hopser und schon mal ein Beinschlenkern als Gipfel der Ausgelassenheit: Die Kanadierin ließ sich vom Swingdance der Dreißigerjahre inspirieren, was dem Stück eine humorvolle Note verleiht. Doch statt überschäumender Tanzlust sieht man ein festgezurrtes Korsett aus Haltungen und Bewegungen. Kleine Abweichungen sind erkennbar, doch kein inneres Aufbegehren gegen das rigide Muster. Mit zierlichen Schritten geht es zurück in die Puppenstube. Bei Plafki definieren die Tänzer die Strukturen mit, in denen sie sich bewegen. Bei Walkey sind sie gefangen in tradierten Vorstellungen.

Sophiensäle, bis 14. Januar

www.tanztage.de

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