Kultur : Funkenschläger

Zum 80. Geburtstag des Künstlers John Baldessari

Jens Hinrichsen
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Es begann mit einer Einäscherung, sie war der Durchbruch. Vor 31 Jahren verbrannte John Baldessari seine Werke der letzten 13 Jahre und deklarierte die Feuerbestattung zum künstlerischen Akt. Dem „Cremation Project“ fiel ein ganzer Bilderberg zum Opfer. Der Künstler hatte Angst, unter seinen Gemälden, die keiner haben wollte, begraben zu werden. Ohne Baldessaris Befreiungsschlag, ohne seinen Pioniergeist wäre die Kunstwelt heute ärmer. Der Amerikaner gilt als einer ihrer originellsten und einflussreichsten Köpfe. Ebenfalls 1970 gründete er am California Institute for the Arts (CalArts) den Lehrstuhl für „Post-Studio Art“ und inspirierte Künstler wie Mike Kelley, Richard Prince, Matt Mullican, eine ganze Generation.

Baldessari war ein Spätzünder, schon Ende 30, als er seinen Kunstbegriff radikalisierte. Dennoch war ihm der spielerische Umgang mit Medien und Materialien in die Wiege gelegt. 1931 in National City, Kalifornien, geboren, wuchs er zur Zeit der Großen Depression auf. Not machte die Familie erfinderisch, und der aus Österreich stammende Vater war genial darin, Schrott zu Geld zu machen.

Aus den (medialen) Resten, dem Hässlichen, Brutalen und Ungelenken schlägt Baldessari die Funken seiner Kunst. Kalifornien ist er treu geblieben. Er lebt seit über 40 Jahren in Los Angeles, das er beinahe zärtlich als „langweilig horizontal“ beschreibt. Das ideale Gedankensprungbrett für einen Mann, der den Satz „Ich werde nie wieder langweilige Kunst machen“ im Stil einer Strafarbeit wieder und wieder aufschrieb. Das Gelöbnis hat er nie gebrochen, wie zahllose Foto-, Text- und Videoarbeiten beweisen.

In vielen Werken benutzt Baldessari Filmstills oder Zeitungsfotos, blockiert Teile der Bilder (mit Vorliebe menschliche Gesichter) mittels Farbflächen, lässt die visuellen Informationen mit Begriffen oder Sätzen kollidieren. Mit seiner Mischung aus absurdem Humor und Gedankentiefe siedelt Baldessari zwischen Pop- und Concept-Art und bekam von Hütern der reinen Konzeptkunst-Lehre wie Joseph Kosuth vor allem die kalte Schulter gezeigt. Baldessaris Reaktion: Ein Video, in dem er Sol LeWitts 35 Sätze zur Konzeptkunst als Popsongs vortrug.

1987 schuf er mit „Inventory“ sein provozierendstes Werk. Bilder von Einkaufswagen schiebenden Supermarktkunden konfrontierte Baldessari mit Fotos aus Konzentrationslagern, die Eisenbahnwaggons voller Leichen zeigten. Der Boden der Zivilisation: dünn wie Papier. Wenigen Künstlern ist es so wie ihm gelungen, ein breites Publikum für das Räderwerk der Medienmaschinerie zu interessieren. 2010 war das Jahr der großen Baldessari-Retrospektiven in Los Angeles, Wien und Graz, aber der Altmeister ist auch jetzt aktiv wie eh und je. Erst letzten Sonntag hat er in Zürich eine Galerieausstellung eröffnet. Jens Hinrichsen

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