Kultur : Futurismus: Im Blickflug

Bernhard Schulz

Die italienischen Futuristen entstammen einem Land, das der modernen Zeit hinterher hinkte. Nicht zuletzt deshalb waren sie in ihrer Forderung nach Modernität so maßlos. Sie sahen die Möglichkeiten von Technik und Industrialisierung gewissermaßen durch ein idealisierendes Fernglas. Gleichwohl verwundert, dass sie sich in ihrer eigenen künstlerischen Produktion so stark an die überkommenen Techniken hielten. Sie malten. Skandalträchtig, gewiss, aber immerhin malten sie.

Dass sie auch fotografierten, ist weniger bekannt. Es gewann an Bedeutung in dem Maße, in dem Fotografie selbstverständlich wurde, zumal als sie im faschistischen Italien als Propagandamittel breiten Einsatz fand. Während der 20er und 30er Jahre erlebte der Futurismus eine zweite, politisch allerdings kompromittierte Blütezeit.

Die bedeutendste Privatsammlung des Futurismus außerhalb Italiens findet sich in London und ist dort seit drei Jahren in einem weit vom Zentrum entfernten, umgebauten Wohnhaus zu bewundern. Eric Estorick, 1993 im Alter von 80 Jahren verstorben, hat die erstrangige Kollektion vorwiegend in den fünfziger Jahren zusammengetragen, als futuristische Arbeiten wenig Interesse fanden. Die als private Stiftung geführte Sammlung greift nun auch in die Erforschung ihres Bereiches aus, und eine überaus sehenswerte Frucht ist die Ausstellung "Futurismus und Fotografie". Nie zuvor war eine derart umfassende Darstellung des Gegenstandes zu sehen, nicht einmal bei der Übersicht, mit der sich der Palazzo Grassi 1986 in der ersten Reihe der weltweiten Ausstellungshäuser etablierte.

Immerhin hatte Anton Giulio Bragaglia als 21-jähriger Enthusiast 1911 - zwei Jahre nach dem explosionsartigen Erstauftritt der Futuristen - den "Fotodinamismo" theoretisch begründet und, gemeinsam mit seinem Bruder Arturo, mit entsprechenden Arbeiten beispielhaft ausgeführt. Was die malenden Kollegen auf der Leinwand darstellten, bannten die Brüder als Mehrfachbelichtungen von Bewegungen auf die Platte. Die raren Aufnahmen bilden den Auftakt der rund 150 Fotografien umfassenden Ausstellung, bei der vielleicht am stärksten die überwiegend konventionelle Verwendung dieses technischen Mediums überrascht. Porträts der äußerst bürgerlich auftretenden Protagonisten spielen eine wichtige Rolle.

Die futuristische Spielart fügt sich in die Entwicklung der Avantgarde-Fotografie ein. Das Interesse an Bewegung, an dynamischen Perspektiven oder auch an halbabstrakten Ding-Arrangements findet sich ähnlich auch am Bauhaus oder in Sowjetrussland, Fotomontage und -collage waren beliebt. Gleichwohl gelingen immer wieder Arbeiten, die die eigentümlich futuristische Verschmelzung von (objektiver) Modernität und (subjektiver) Individualität zu fassen vermögen, wie in Mario Castagneris Porträts von Fortunato Depero vor der Kulisse der New Yorker Hochhäuser. Unvergleichlich ist Filippo Masoeros "Dynamisierte Ansicht des Forum Romanum", aufgenommen aus einer Flugzeugkanzel: Das ist der Blick des seinerzeit - 1934 - gefeierten "Fliegerhelden" und zugleich der des auf sein Ziel zustoßenden Bomberpiloten.

Es wäre reizvoll, den Vergleich zur Malerei der gleichzeitigen "Aeropittura" ziehen zu können. Andererseits ist es gerade der Vorteil der sehr dichten und von einem vorzüglichen Katalog begleiteten Ausstellung, dass sie die futuristische Fotografie unbeeinträchtigt zu ihrem Recht kommen lässt.

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