Gabriela Montero spielt Tschaikowsky : Kein Klavier ist eine Insel

Gabriela Montero spielt in der Komischen Oper Tschaikowsky. Sie verwandelt ihr Piano in ein Schlaginstrument. Furios und außergewöhnlich.

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Aufbäumen gegen die Tränen. Die 1970 in Venezuela geborene Solistin Gabriela Montero verwandelt ihr Piano in ein Schlaginstrument.
Aufbäumen gegen die Tränen. Die 1970 in Venezuela geborene Solistin Gabriela Montero verwandelt ihr Piano in ein Schlaginstrument.Foto: Shelley Mosman

Musik hören, um sich dem Vergessen anheimzugeben, ist ein heilloses Unterfangen. Denn selbst wenn sie uns mit all ihrer wärmenden Harmonie umfängt, hinterlässt sie einen Stachel: Wie könnte sie aussehen, die Klang gewordene Insel der Seligen – und warum leben wir nicht alle auf ihr? Diese Frage stellt sich beim letzten Sinfoniekonzert des Orchesters der Komischen Oper in dieser Saison direkt nach der Pause. Ein Paar im Publikum steht auf und singt die Nationalhymne von Venezuela, dem Land, das ein Paradies sein könnte und doch in einem Bürgerkrieg zu versinken droht.

Es singt ausdauernd weiter, bis die Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla den Beginn von Tschaikowskys 1. Klavierkonzert darüber donnern lassen muss. Und die Solistin Gabriela Montero, in Venezuela geboren und sichtlich bewegt, ihren Flügel furios in ein Schlaginstrument verwandelt. Es ist der Kulminationspunkt eines außergewöhnlichen Konzerts, in dem Sorgfalt, Respekt und Leidenschaft keine Phrasen bleiben. Und es ist zugleich der am wenigsten im klassischen Sinne gelungene Teil: Zu weit divergieren die Absichten und Klangräume von Dirigentin und Solistin, eine Annäherung wird zusätzlich erschwert durch die prekäre Akustik im Parkett.

Schlank und biegsam ist der Klang

In der ersten Konzerthälfte konnte man eine junge Dirigentin erleben, die auf geradezu unwiderstehliche Weise führt: Mirga Grazinyte-Tyla, Jahrgang 1986, hat jüngst das Orchester in Birmingham übernommen, das vor ihr Simon Rattle und Andris Nelsons leiteten. Eine Entscheidung für Empathie ohne Sentimentalitäten, für Wertschätzung ohne Jovialität, für ein spielerisches Verständnis von Kultur, geprägt von Licht und Klarheit. Mieczyslaw Weinbergs „Rhapsodie über moldawische Themen“ nutzt die Maestra um den Kontakt zum Orchester blitzartig zu aktivieren, prüft Bindungsenergie im Langsamen, testet Fliehkräfte im Stürmischen aus. Die Musikerinnen und Musiker sind hellwach. Für Prokofjews „Sinfonie classique“ kann Grazinyte-Tyla den Taktstock beiseite legen und formt nun noch mehr mit ihren Händen. Schlank und biegsam ist der Klang, den sie dem Orchester entlocken – man würde das gerne noch einmal mit ein bisschen mehr Resonanzen hören, zum Beispiel nebenan im Konzerthaus.

Nach Tschaikowskys Klavierkonzert erklärt Gabriela Montero den Gesang davor und erinnert daran, dass wir uns an einem sicheren Ort befinden, wie leider nicht alle Menschen. Dann improvisiert sie am Flügel auf Zuruf, erst über ein Thema von Tschaikowsky, dann – Himmel! – über „Ave Maria“. Montero verströmt sich in barocker Zartheit und bäumt sich auf gegen die Tränen. Die Welt wird immer politischer, seufzt ein Herr an der Garderobe. Sie war es schon immer, nur haben wir nicht genau hinhören wollen.

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