Kultur : Gäste von gestern

Philipp Lichterbeck

Die Geschichte des Islams in Berlin (und Deutschland) beginnt nicht erst mit dem Anwerbeabkommen von türkischen Gastarbeitern in den 60er Jahren. Sie reicht bis in das frühe 18. Jahrhundert zurück. Die erste islamische Gemeinschaft auf deutschem Boden bildeten 20 türkisch-stämmige Gardesoldaten, die im Heer Friedrichs I. dienten. Ein Jahr nachdem sie ihm geschenkt worden waren, erfüllte der Preußenkönig den Wunsch der Soldaten und ließ 1732 im Langen Stall in Potsdam eine islamische Gebetsstätte einrichten.

Friedrich der Große folgte dem toleranten Vorbild seines Vaters. Auf eine Anfrage der Stadt Frankfurt am Main, ob ein Katholik das Bürgerrecht in einer evangelischen Stadt erwerben dürfe, antwortete er: "Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich zu ihnen bekennen, ehrliche Leute sind, und wenn die Türken kämen und wollten hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen bauen." Freilich lagen der Großzügigkeit Friedrichs II. auch machtpolitische Überlegungen zu Grunde. So wollte er mit dem Osmanischen Reich ein Bündnis gegen Preußens Rivalen Österreich und Russland bilden. Doch selbst vor diesem Hintergrund nimmt sich seine Antwort mehr als generös aus. In einer Umfrage der Ausländerbeauftragten von Berlin gaben ein Drittel der Befragten Türken im Dezember an, sie spürten eine zunehmende Ablehnung. Die Aussage stammt von Menschen, die in Berlin geboren sind oder seit mehr als 40 Jahre hier leben.

Der Museumspädagogische Dienst Berlin (MD) und das Kreuzberg Museum erkundeten 2001 "Preußens Toleranz" und stießen dabei auf die lange Vergangenheit des Islam in Berlin. Man plante einen "interkulturellen Arbeitskreis" unter dem Titel "Islam in Berlin - Geschichte und Gegenwart". Darin enthalten: die Besichtigung der Korandruckerei in Kreuzberg, Besuche von islamischen Friedhöfen und Reisebüros, die Wallfahrten nach Mekka anbieten. Mit dem 11. 9. erhielt das Thema eine ungeahnte Brisanz.

184 000 Muslime leben in Berlin

Bis dato war die Gegenwart des Islam in Deutschland von der Öffentlichkeit ja kaum wahrgenommen worden, abgesehen von gelegentlichen Diskusionen über islamischen Religionsunterricht, kopftuchtragende Grundschullehrerinnen und den Bau von Moscheen in südwestdeutschen Kleinstädten. Dabei gehörte der Islam schon lange zur gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik, bildete ihre zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Allein in Berlin leben 184 000 Muslime, oft Tür an Tür mit Christen. Denen war die Religion ihrer muslimischen Nachbarn so lange egal, wie sie sie nicht mit Attentätern assoziierten. Es liegt also auch an den Terroranschlägen, dass der Arbeitskreis "Islam in Berlin" bereits belegt ist.

Es hat aber wohl eher mit Edzard Reuter zu tun, dass die Auftaktveranstaltung im Museum Kreuzberg zahlreiche Zuhörer hat, vor allem Journalisten. Edzard ist der Sohn von Ernst Reuter, dem ersten Regierenden Bürgermeisters West-Berlins, und ehemaliger Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG. 13 Jahre im türkischen Exil legitimieren ihn, über den Islam zu sprechen. Der junge Reuter lebte mit seinen Eltern von 1933 bis 1946 zunächst in Istanbul, dann in Ankara. Was sie von türkischen Gastarbeitern in Deutschland unterschied, war ihr unbedingter Glaube an die Rückkehr nach Deutschland: "Wir waren von Anfang an bis zum Ende Gäste".

Eigentlich wollte die Türken keiner

Ähnliches dachte man in Deutschland ja auch von den Gast-Arbeitern, die man Anfang der Sechziger ins Land holte. Man wollte sie im Grunde nicht, behandelte ihre Kinder noch als Menschen von Außerhalb. Das ist der Geburtsfehler der bereits gescheiterten Integration von Türken in Deutschland. Reuter berichtet von einer "Blacklist bei deutschen Unternehmen", die dazu diente, türkischen Jugendlichen Ausbildungsplätze zu verwehren. Doch er findet die Schuld auch bei den Türken, die es in Deutschland geschafft haben, sich dann aber nicht um den Bauern aus Anatolien kümmern.

Es ging jetzt nicht mehr um den Islam in Berlin. Thema im Museum Kreuzberg waren die Türken, was an diesem Ort nicht einer gewissen Logik entbehrte. Die Türken und die Deutsche sind sich ähnlicher als andere Völker, findet der Schriftsteller Zafer Senocak, zweiter Redner des Abends: empfindlich, obrigkeitshörig und mit der Gewissheit, dass niemand sie mag. Senocaks "Schreibmythos", wie er es ausdrückte, ist das Schlachtfeld der eigenen Herkunft. Als Sohn einer laizistischen Mutter und eines religiös geprägten Vaters erfuhr er die Konflikte der modernen Türkei in der eigenen Familie. Es sei völlig falsch vom Kampf zweier Kulturen zu reden. "In der Türkei selbst findet dieser Kampf statt."

Dieser Abend endete mit dem Aufruf zur Toleranz. Wie weit es damit her ist, zeigte sich, als das Mikrofon fiepte. Ein Herr brüllte in zackigem Tonfall: "Mund näher dran, dann ist die Sache erledigt!" Zwei Kreuzbergerinnen flüsterten: "Soll er doch wieder nach Zehlendorf gehen."

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