Galerie-Ausstellung : Traum des Dichters

Der Berliner Künstler Peter Welz hat in der legendären Villa Malaparte auf Capri gefilmt. Jetzt sind seine Videos als Rauminstallationen in der Galerie Crone zu sehen, und man wähnt sich auf der rauen Seite der Insel

Heike Fuhlbrügge
Schroffes Capri. Zwei Szenen der begehbaren Video-Installation „Malaparte“ in der Galerie Crone. Foto: Marcus Schneider/Galerie
Schroffes Capri. Zwei Szenen der begehbaren Video-Installation „Malaparte“ in der Galerie Crone. Foto: Marcus Schneider/Galerie

Was für ein karges, mediterranes Paradies, gepaart mit ungeheurer Wirkung: „Malaparte“ (2014) heißt die neueste Werkgruppe des Berliner Videokünstlers Peter Welz, seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Crone. Im unteren wie oberen Galeriebereich sind speziell den Räumen angepasste Arbeiten installiert, die neuartige Perspektiven auf das Zusammenspiel von Architektur und skulpturaler Videoinstallation eröffnen.

Entgegen der üblichen Präsentation, bei der Bewegtbilder meist in abgedunkelten Räumen zu sehen sind, macht Welz die Projektionsflächen zu großen, freistehenden Wandelementen. Getragen werden sie von Metallkonstruktionen, die Zimmer imaginieren. Der Betrachter kann sie betreten und wähnt sich in den Innenräumen der Villa Malaparte, durch deren Fenster er nach draußen blickt. In seinen Videoarbeiten setzt sich Welz, Jahrgang 1963, mit bildhauerischen Aspekten von Raum, Körper und Bewegung auseinander, die er mit kunsthistorischen und filmischen Topoi fusioniert. Die drei großen Arbeiten der Werkgruppe „Malaparte“ sind als bewegte Porträts von Architektur zu verstehen (Preise: 29 000–38 000 Euro). Zu den Videos gibt es kleine Collagen und Entwurfszeichnungen (Preise: 2400 – 3700 Euro). Im Zentrum steht die berühmte Villa des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte auf Capri.

Das erste „Porträt“ war Welz’ viel beachtete Video-Installation im Louvre, in der der Choreograf William Forsythe das letzte unvollendete Bild des Malers Francis Bacon in tänzerische Bewegung umsetzte. Sein zweites „Porträt“, die Casa Malaparte, umweht nicht nur eine Aura dank Jean-Luc Godards legendärem Film „Die Verachtung“ von 1963 mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli in den Hauptrollen, sondern besticht auch durch ihre spektakuläre Lage. Eingebettet in die schroffe Felsenwelt Capris, liegt sie als Einzelkörper, wie Welz es beschreibt: isoliert, fast vereinsamt in der Landschaft, dem Meer zugewandt. Curzio Malaparte, der die Villa vom Architekten Adalberto Libera in den 1930er Jahren bauen ließ, betrachtete das Haus als Selbstbildnis: „Ein Haus nach meiner Art – traurig, hart und streng (una casa comme me – trista, dura, serva).“

Welz schreibt der Architektur ebenfalls anthropologische Qualitäten zu, wenn er den Blick, den man von der Villa im 360-Grad-Schwenk hat, in der Videoskulptur „casa malaparte“ im Erdgeschoss der Galerie in Bewegung versetzt. Alles in seinem Werk geht vom Körper aus. Wie schon in der Tanzstudie mit Forsythe arbeitet Welz mit nonverbaler Kommunikation, die an Rudolf Labans Bewegungsstudien erinnern. Der Mensch bildet das Zentrum, er prägt das Verhältnis zum umgebenden Raum und sieht sich aufgefordert, sich in bisher unbekannten Bereichen der eigenen Umgebung zu bewegen.

Erkennen durch Bewegung ist dabei eine entscheidende Komponente. Dennoch wird sie in den Videoarbeiten WINDOW 01]WINDOW 04]im oberen Stockwerk durch statische Ausblicke auf das grandiose Landschaftsprospekt Capris ausgetauscht. Welz zitiert hier, denn der Blick durch die „finestra aperta“, das geöffnete Fenster, ist seit Leon Battista Albertis zentralperspektivisch definiertem Bildkonzept kunsthistorisch festgeschrieben und gilt bis heute als Inbegriff des frühneuzeitlichen Bildes. Auch ist er religiöse Metapher für die inversive Schau ins Jenseits und wird seit den niederländischen Manieristen als Möglichkeit der Zersetzung herkömmlicher Bedeutungshierarchien eingesetzt.

Welz stellt Fragen an den Status des Bildes, das Skulpturale und nach dem Verhältnis von Mensch, Bild und Raum. Darüber hinaus gestaltet er mit „Malaparte“ eine begehbare Installation, die den neutralen white cube der Galerie mit der emotional aufgeladenen Strenge der Künstlervilla Malaparte kontrastiert.

Galerie Crone, Rudi-Dutschke-Str. 26, bis 17. April, Di–Sa 11–18 Uhr

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