Kultur : Galerie der Götter

Ein Triumph: In Mantua sind erstmals seit 400 Jahren wieder Prunkstücke der berühmtesten Kunstsammlung der Renaissance zu sehen

Peter von Becker

Sie haben aus ihren Städten bisweilen Reiche gemacht, sie haben erbaut, erbeutet, zerstört, sie waren Größenwahnsinnige und Kleinkrämer, Massenmörder und Liebhaber – Liebhaber auch der Künste. Sie sind die Fürsten, die Niccolò Machiavelli dem ersten Politologen der Moderne, das Bild des wahren Herrschers eingaben: die Sforza und die Visconti in Mailand, die Medici in Florenz, die Este in Ferrara. die Farnese und Borghese in Rom. Die Dramen der italienischen Renaissance- und Barock-Dynastien prägen die wohl schillerndsten Historienstoffe der europäischen Neuzeit. Und mit im tollen Spiel sind die Gonzaga, die ab 1328 das an drei Seen und einem Fluss südlich des Lago di Garda gelegene Mantua zu ihrer Residenzstadt machen.

Mantua und die Gonzaga-Herzöge kennen Opernfreunde aus Verdis „Rigoletto“ und Italien-Reisende überwiegend nur wegen des Palazzo Ducale mit dem Brautzimmer, der Camera degli Sposi, ausgemalt mit den weltberühmten Fresken und der Himmelskuppel von Andrea Mantegna. Viel weniger bekannt ist, außer bei Kunsthistorikern, was es in den 500 heute meist leeren Räumen des Herzogpalastes einst auf sich hatte mit der Celeste Galeria: jener „Himmlischen Galerie“. Sie bestand aus rund 2000 Gemälden und etwa 20000 Skulpturen, Waffen, Kultobjekten und kunsthandwerklichen Stücken von exquisiter Qualität.

Die Gonzaga hatten in Mantua im 15. und 16. Jahrhundert die bedeutendste Kunstsammlung der Renaissance und des Frühbarock, ja, man kann auch sagen: Europas und der Welt angelegt. Es war das Werk vor allem von Francesco II. (1466 -1519) und seiner geschmackssicheren, kulturell hochgebildeten Gattin Isabella d’Este. Doch mit der großen Pracht war es ab 1627/28 vorbei.

Damals drohten die Gonzaga auszusterben, ein erschöpftes Geschlecht, dazu durch Verschwendung und Misswirtschaft binnen einer Generation finanziell ruiniert. Also verkaufte Vincenzo II. gegen den Protest nicht nur von Rubens, der zwanzig Jahre zuvor für die Gonzaga gearbeitet hatte, den kostbarsten Teil der Sammlung an den englischen Stuart-König Karl I., auf den in London allerdings bald das Henkersbeil wartete. Kein gutes Omen auch für die Italiener. 1631 stürmten die habsburgisch-kaiserlichen Truppen Mantua und verwüsteten Teile der Stadt und ihrer Kunstschätze. Oder schleppten sie fort. Die „Göttliche Galerie“ war von nun an nur noch eine europäische Fama. Erst im Herbst 2002, also fast 400 Jahre später, ist sie für drei Monate in wenigen, aber glanzvollen Bruchstücken wieder heimgekehrt nach Mantua. Eine Sensation.

Dabei stimmt das Wort „heimgekehrt“ nicht ganz. Knapp 90 Gemälde, dazu Drucke, Bronzeskulpturen, Schmuck und sakrale Objekte aus den bedeutendsten Sammlungen der Welt, vom Getty Museum in Los Angeles bis zum Louvre, der Alten Münchner Pinakothek oder den Staatlichen Museen Berlins sind versammelt – Versicherungssumme fast 250 Millionen Euro (und das entspricht nur dem untersten Schätzwert). Aber diese Ausstellung, „Gonzaga. La Celeste Galeria“ findet sich nicht am ursprünglichen Ort. Sie ist, statt im riesigen und nach allen Plünderungen und Restaurierungen im Inneren eher ernüchternden Herzogspalast im kleinen, Sommerschloss der Gonzaga am südlichen Rand von Mantua zu erleben. Und dieser Palazzo Te ist schon für sich eine Reise wert. Ein Lustschloss, ebenerdig mit teils gepflasterten, teils als Garten angelegten Höfen, alles licht, fast spanisch anmutend, mit sparsamem Dekor von außen.

Doch innen! Für Isabella d’Estes Sohn Federico hat hier der von seines Meisters süßer, sanfter Frömmigkeit denkbar freie Raffael-Schüler Giulio Romano 1525 -35 gebaut und die Hallen und Kabinette ausgemalt. Das wirkt oft wild und witzig. Im „Saal von Amor und Psyche“ etwa besteigt Gottvater Jupiter der schönen Olympia Lager mit hoch geschwollenem Glied; schon das ist auf Götterbildern in Offizialräumen seit der Antike ziemlich einzigartig, und an anderer Stelle quillt einem Naturgeist weiße Bartwolle als weißer Strom nicht nur von Kinn und Lippe, nein auch direkt aus dem Gemächte. Das alles wirkt hell und sinnlich.

Feierlicher geht es freilich in einem entkernten, abgedunkelten Nebentrakt in der eigentlichen Ausstellung zu. Im gedämpften Licht strahlen einzig die Gemälde und Objekte, die in künstlichen Kabinetten wie in puppenstubenhafter Verkleinerung die einstigen Säle und Zimmer der Gonzaga im Palazzo Ducale nachspielen. Dabei beruht die Hängung vor allem der Bilder nach 400 Jahren oft auf Legenden, zeitgenössischen Berichten, Vermutungen, jedenfalls nicht immer auf erhaltenen Inventarlisten oder gar Innenskizzen der einstigen Räume. Trotzdem ist die akribische Rekonstruktion bewundernswert. Die Chefkuratoren Andrea Emiliani und Raffaella Morselli stützen sich mit einer Heerschar von Archivaren und Forschern auf jahrzehntelange Studien, zu denen beispielsweise die Auswertung von bisher 10000 (von schätzungsweise 200000) Briefen der Gonzaga in Sachen Kunst, Kunstkäufe und Bauwerke gehört.

Die Krone sind natürlich die Gemälde, die, so intim präsentiert, zumindest in der Imagination des Betrachters eine Ahnung vom einstigen Zusammenhang und ästhetischen Zusammenklang ergeben. Und von der Lust, auch vom Geschmack der Sammler. Es besticht hier nicht allein der Reigen der Namen: unter anderen Bruegel, Corregio, Cranach, Dossi, Dürer, Lorenzo Lotto, Mantegna, Raffael, Giulio Romano, Rubens, Tintoretto, Veronese und nicht zuletzt vier herrliche Tizians. Die Bezauberung im Mantuaner Lustschloss setzt ein, wenn in der Auswahl des Wenigen, aber Grandiosen auch die Besonderheit der Motive, der Manier und zugleich der Aufbruch in die Moderne hervorleuchtet.

So korrespondiert und konkurriert die fabelhafte Sofonisba Anguissola – im Männermetier der Malerei die erste Königin, eine wahre Primadonna der bildenden Künste – mit dem etwas älteren Lorenzo Lotto. Beide malen Selbstportraits und thematisieren als Kinder der Renaissance den Anspruch des säkularen Künstlers auf Subjektivität, Autonomie und jedenfalls Autorenschaft. Anguissola ist dabei (um 1556) so raffiniert, sich als Bild im Bild von ihrem Malerkollegen Bernardino Campi malen zu lassen; ihr Portrait erscheint nur auf der Leinwand, doch tritt ihr Selbstbild wie dreidimensional aus dem Keilrahmen: als löste sich die gemalte Frau und Künstlerin auch von ihrem (oder des Malermannes) Werk, als träte sie gleich unmittelbar hinaus ins Leben.

Diese Reflexion des Metiers und des eigenen Abbilds zeigt Lorenzo Lotto um 1530 bereits in der dreifachen Selbstbespiegelung, die durch unterschiedliche Gebärden, durch die sprechenden Hände zugleich zum Binnentheater, zum Selbstgespräch wird. Und wir hören zu, bis heute.

„Gonzaga. La Celeste Galeria“, Palazzo Te in Mantua, bis 8. Dezember, Katalog (Skira) 65 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben