Kultur : Galerie Kapinos: Risse im Gemäuer

Michaela Nolte

Franka Hörnschemeyer hat den white cube der Galerie Kapinos gründlich verbarrikadiert. Der Raum, dessen Großzügigkeit der Galerist zumeist mit reduzierten Präsentationen unterstreicht, wirkt verschlossen. Sperrige Spanplatten weisen das Auge des Besuchers zurecht, manchen vielleicht sogar zurück. Die tektonische Gliederung der "Westzimmer" genannten Installation konterkariert jeglichen Anklang an die schöne, glatte Fassade. Der Raum ist entkernt. Rohe Messebauwände, die fast bis zur Decke ragen, umreißen kleine, begehbare Parzellen. Wer in ihnen das leicht zugängliche visuelle Abenteuer sucht, steht schnell vor Löchern und Rissen im fragilen "Gemäuer" - der direkte Weg führt in die Sackgasse.

Die Arbeit will Schritt um Schritt erkundet werden, fordert heraus, immer neue Winkel zu entdecken und um die Ecke zu denken. Reste von Verkleidungen, Tapetenstücke oder Zeitungsfetzen erzählen nur bruchstückhaft von ihren einstigen Aufgaben. Hörnschemeyer kehrt die Funktionalität der Materialien von innen nach außen und führt sie in ihrer Raum stiftenden Entblößung gleichsam ad absurdum. Verschalungselemente, die einst zur Stabilisierung von Betonwänden dienten, strukturieren das Innere der begehbaren Plastik. Ihre Betonhaut ist entfernt, der Blick freigelegt auf ein entkleidetes Gerippe aus Eisen: Haus, Höhle und Käfig zugleich.

Interieur und Exterieur

Die Rasterelemente finden ihr kurioses Pendant in einer Tapete Marke "Landhausstil", mit der Hörnschemeyer die Rückseiten der Wände überzogen hat. Das altertümelnde Muster des Fachwerks spitzt das Verhältnis von Interieur und Exterieur noch weiter zu. Wo das Stahlskellett Transparenz und Stabilität vereint, ironisiert die Privatsphäre vorgaukelnde Tapete den untrüglichen Glauben an die Solidität der Materie - die Konstruktion der gedruckten Holzbalken würde nicht halten. Über all dem schwebt ein bauübliches "DX24-Deckensystem" aus Aluminiumstreben und Faserplatten. Auch hier wiederholt die 1958 geborene Bildhauerin das serielle Raster, hinterfragt und persifliert die fehlenden sozialen Aspekte moderner Architektur.

Wie bei ihrer komplexen Installation für einen Hof des Paul-Löbe-Hauses, dessen Kunst-am-Bau-Projekte im nächsten Monat eingeweiht werden, gelingt Hörnschemeyer mit dem "Westzimmer" eine geschickte Verschränkung architektonischer und skulpturaler Elemente. Der Zusammenklang von purer Materialität und präziser Positionierung vermittelt eine eindringliche Wahrnehmung des Raums. Das labyrinthische Gefüge von Ummantelung und Kern überträgt sich vom Raumkonstrukt direkt ins kognitive Zentrum und pflanzt sich im Körper fort. Wer in die Raumebenen und Raster hineinhorcht, dem eröffnet sich eine Bühne der Unmittelbarkeit. Eine Karte greift das Grundrissschema der Installation auf und bietet eine Orientierungshilfe. Die rückseitige Abbildung eines chinesischen Holzschnitts der späten Ming-Dynastie bleibt, bis auf den Fakt, dass ihm der Ausstellungstitel entlehnt ist, hingegen kryptisch.

Zersetzungsprozess der Zvilisation

Weniger konstruiert nehmen sich sechs Fotografien aus, die im Büro zu sehen sind. Vergänglichkeit und Verletzlichkeit, die in der Gesamtinstallation subtil mitschwingen, finden sich in den C-Prints (je 4000 Mark) als natürlicher Zersetzungsprozess der Zivilisation. Inmitten einer idyllisch grünen Landschaft steht ein Mauerfragment. Ein Baum streckt sich fast lasziv über einen Tunnel- oder Bunkereingang: abgeknickt und tot der Stamm, doch das Blattwerk trotzt mit seinem frischem Grün der verlassenen Szenerie etwas Lebendiges ab.

Die Titel der Fotografien tragen, wie auch die Installation, schlicht den Namen des Entstehungsortes. Das "Westzimmer" bespielt einen Raum, der geografisch gen Westen liegt. Die Fotos zeigen eine "Flüssigsauerstoffanlage", den "Prüfstand VII", das "Entwicklungswerk" und die "Heeresversuchsanstalt". Letzteres lässt aufhorchen und verdichtet das Unwirtliche der verfallenen Spuren. Die Aufnahmen zeigen die Überreste der einstigen Raketen-Entwicklungsstation Peenemünde.

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