Ganz OHR (3) : Verborgene Tonspuren

Nadine Lange lauscht einem liebeskranken Kroaten

Nadine Lange

Heiße Liebesschwüre, tränenreiche Nächte, gebrochene Herzen – lange bevor sich der Vorhang öffnet, spielen sich im Berliner Odeon-Kino schon unglaubliche Dramen ab. Nur bekommt hier niemand etwas davon mit. Die Zuschauer suchen nach guten Sitzplätzen oder plauschen mit ihrer Begleitung, während ein trauriger Sänger sein Liebesleid aus den verborgenen Lautsprechern klagt. Mit seiner warmen Stimme erzählt er von den Briefen, die er ständig schreibt, aber nie abschickt. Dazu wimmern die Streicher, und ein Saxofon bläst den ganzen Kummer in einem Solo heraus. Schon im nächsten Song scheint sich der Verzweifelte etwas besser zu fühlen: Zu treibenden Billig-Beats berichtet er von einem Weg, den er jetzt alleine gehen wird. Dass im Saal niemand an diesem Schicksal Anteil nehmen will, liegt nicht nur an Ablenkungen in Form von Eiscreme und Bier, sondern auch am Sänger selbst. Denn er singt auf Kroatisch – und das ist selbst in einem Kino, das auf englischsprachige Originalversionen spezialisiert ist, ein bisschen viel verlangt.

Doch wie kommen diese achtziger- durchwehten Schlager bloß hierher? Vielleicht hat ein Aushilfsfilmvorführer die CD als Abschiedsgeschenk von seinem Sommerflirt an der Adria bekommen. Für ein paar Wochen legte er seiner Geliebten zu Ehren vor jedem Film das Album auf und erinnerte sich an die Abende mit ihr. Ein heimlicher Liebesgruß von Berlin nach Split. Als er irgendwann den Job wechselte, hatte er die schöne Marija längst vergessen – genau wie die CD, die sein Nachfolger einfach weiter benutzte.

Vielleicht war es auch ganz anders: Vesna, die Bibliotheksangestellte, die im Krieg aus Dubrovnik nach Berlin geflohen war, fand im Odeon einen Putzjob. Um sich die Langeweile beim Wischen des großen Saales zu vertreiben, legte sie Musik aus der Heimat auf. Vor allem die sehnsüchtigen Lieder des berühmten kroatischen Interpreten Oliver Dragojevik ließen ihr den Feudel leichter von der Hand gehen. Und weil sie sein Album „Dvi, Tri Rimi“ aus dem Jahr 2000 gleich zweimal zum Geburtstag bekommen hatte, ließ sie ein Exemplar im Kino – für die Kollegen als Erinnerung. Denn kurz darauf fand sie endlich eine neue Stelle und eine neue Liebe.

Bisher sind in unserer Sommerserie erschienen: Christiane Peitz über Schubert im Regen (13. 7.), Andreas Schäfer über Kopfhörer (22. 7). Als Nächstes: Frederik Hanssen über Straßenmusiker.

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