Kultur : Gao Xingjian: Zuhause im Dazwischen

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Zwischen China und Frankreich. Zwischen Ich und Du. Zwischen. Dort, wo eindeutige Zuordnungen bröckeln, gibt es keine ausgetretenen Pfade. Da können die Gedanken neue Wege suchen. Gao Xingjian, der Literaturnobelpreisträger, liebt das Zwischen. Es ist für ihn der Ort der Freiheit. Im Berliner Haus der Kulturen der Welt konnte man am Donnerstagabend eine szenische Lesung seines Stücks "Der Schlafwandler" erleben. Der Meister höchst persönlich war auch da. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hatte ihn eingeladen, als einer der prominentesten ehemaligen Stipendiaten den Veranstaltungsreigen zum 35. Jubiläum des Berliner Künstlerprogramms des DAAD zu eröffnen.

Vor der Lesung entwickelte Xingjian im Gespräch mit Tilman Spengler eine kleine Theorie des Theaters aus dem Geist des Zwischen. Um einen hybriden Raum auf der Bühne zu eröffnen, vermengt der Chinese Xingjian, der seit fast fünfzehn Jahren in Paris lebt, Elemente der Pekingoper mit westeuropäischer Theatertradition. Wie in der Pekingoper, in der die Handlung einem festgelegten Schema folgt, interessiert Xingjian weniger der Inhalt, der Plot eines Stückes. Er schreibt seine Texte für die Schauspieler. Denn es geht ihm darum, jenen Raum zwischen der Person des Schauspielers und der Rolle nicht nur zu markieren, sondern auszufüllen. Jenen Zustand, wenn der Schauspieler nicht mehr er selbst ist, aber auch noch nicht in seiner Rolle angekommen ist. Verfremdungs-Effekt hat Brecht diese Distanzierung des Schauspielers von seiner Rolle genannt. Ja, er sei vielleicht irgendwo zwischen Brecht und der Pekingoper, sagt Xingjian, aber ohne politische Zielrichtung.

In der szenischen Lesung aus Xingjians "Schlafwandler" hatten die sechs Schauspieler freilich kaum die Möglichkeit, jenen Zwischenraum aufzufächern. Sie saßen brav an sechs Tischchen und bewegten sich nicht vom Fleck. Lediglich die Tatsache, dass sie ihren Text vom Blatt ablasen, könnte man als Distanzierungseffekt deuten. Und dass die Handlung sicherlich nicht zur Identifikation reizt: Mal treibt ein Schlafwandler ziel- und orientierungslos durch die Nacht und begegnet einem Obdachlosen, einer Prostituierten und einem Nachtschwärmer. Mal treffen in einem Zugabteil eine junge Frau, einige andere Mitreisende und ein Schaffner aufeinander. Dass sich der Schlafwandler einfach nur treiben lässt, stößt bei dem Rest der Welt auf Ablehnung. Wie es eben Aussteigern so ergeht. Xingjian meint es gut, vermag uns aber nicht viel Neues zu sagen. Einige Weisheiten, zum Beispiel die, dass "jeder Mensch zu Gefühlen fähig ist, nicht nur Frauen", machen sprachlos. So landet das Stück leider auch in einem Zwischen. Zwischen gut und schlecht. Aber eben nicht wirklich gut.

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