Kultur : Gast im blauen Haus

Die Berliner Galerie Imago entdeckt LeoMatiz

Hans-Jörg Rother

Zweiundzwanzig Jahre alt war Leo Matiz, als er 1939 für verschiedene Zeitschriften auf Reisen ging, zuerst durch seine Heimat Kolumbien, dann in die Nachbarländer. In Mexiko blieb er die längste Zeit. Hier gehörte er zwischen 1944 und 1948 zum Freundeskreis um Frida Kahlo, Diego Riviera und schließlich auch von Luis Buñuel, dem er helfen konnte, im Exil Fuß zu fassen. Sein Aufgabenfeld für die New Yorker Journale „Life“ und „Norte“ war vor allem die Politik, bleibenden künstlerischen Rang erreichten seine Porträts aus dem Alltag, wie das eines jungen Fischers, der sein Netz gegen die Sonne wirft. Die Aufnahme wirkt wie eine Metapher von Stolz, Mut und Hoffnung.

Immer wieder fesselten Matiz einfache Leute: der Mann auf dem Traktor, die Bäuerin mit ihrem Kind, Musiker. Es sind typisch lateinamerikanische Szenen im Stil der Zeit. Die leicht heroisierende Perspektive von schräg unten gehört dazu. Manche Aufnahmen könnten fast Stills aus Eisensteins berühmten Filmfragment „Que viva Mexico“ sein, das allerdings bereits 1932 entstand. Wie eine dunkle Ahnung der düsteren Zukunft Kolumbiens wirkt eine Szene aus Bogota: eine Gestalt im Gegenlicht, dahinter ein schwarz gähnendes Tor. 1978 verlor Matiz bei einem Überfall sein linkes Auge. Bis 1996, zwei Jahre vor seinem Tod, nahm er keine Kamera mehr in die Hand.

Damals in Mexiko aber schien die Zukunft noch offen. Frida Kahlo, die gegen ihre fortschreitende Krankheit ankämpfte und an die Weltrevolution glaubte, avancierte für ihn zu einem Idol. Vergleichsweise konventionell wirken die Aufnahmen der Künstlerin, doch der große Name dürfte diesem Teil der Ausstellung wohl die meiste Aufmerksamkeit bescheren: Frida im Halbschatten an der Wand ihres Hauses, auf der Freitreppe neben einem Blumenkübel oder im Halbprofil.

Kurz vor seinem Tod hat Matiz das „Blaue Haus“ von Riviera und Kahlo noch einmal besucht. Was er einst voller Leben vorfand, waren nun Zeugnisse der Kunstgeschichte: an einer Wand ein großer Mao-Kopf, auf der Staffelei Riveiras Hommage an einen jugendlich wirkenden Stalin. Die kolumbianische Regierung hat Leo Matiz nach seinem Tod zum bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts erklärt. In Deutschland werden dagegen erstmals sechzig Fotografien von Matiz ausgestellt. Zu erschwinglichen Preisen: Ein Digitalprint der Bilder der Kahlo mit Prägestempel der Leo Matiz Foundation ist für 950 Euro zu haben, die raren signierten Vintageprints der Reisefotografien kosten 6000 bis 7000 Euro.

Imago Fotokunst, Auguststraße 29c, bis 26. Juni, Dienstag bis Freitag 12–19 Uhr, Sonnabend 14–18 Uhr.

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