Kultur : Geballte Leere

Nicht nur im Osten: Die Berliner Kunstwerke dokumentieren das weltweite Drama der schrumpfenden Städte

Bernhard Schulz

In Detroit möchte man nicht leben. In Ivanovo möchte man schon gar nicht leben. In Manchester und Liverpool kann man mittlerweile vielleicht wieder leben, aber wie steht’s mit Leipzig und Halle?

Stellt sich die Frage überhaupt – bei zwei ehrwürdigen Städten in unmittelbarer Nachbarschaft? Ja, sie stellt sich, oder besser gesagt: Zehntausende haben diese Frage gestellt und für sich mit „Nein“ beantwortet. Sie sind fortgezogen. Sie sind vielleicht nur in die Vorstädte gezogen, haben den Traum vom eigenen Häuschen verwirklicht; sie sind vielleicht aber in den Westen Deutschlands übersiedelt und haben ihrer Heimat für immer den Rücken gekehrt. Da fangen die Probleme an: für die Städte, die Einwohner auf Dauer verlieren, für die jeweiligen Regionen, die Steuerzahler – und zugleich Nutzer öffentlicher Einrichtungen – aus ihren Unterlagen streichen müssen.

Die „schrumpfenden Städte“ sind mittlerweile ein brisantes Thema der deutschen Innenpolitik. Die neuen Bundesländer sind von einer dramatischen Umkehr der demografischen Entwicklung betroffen. Ostdeutschland wird von Entvölkerung heimgesucht. 1,3 Millionen Wohnungen stehen bereits leer, mindestens 450000 sollen mit öffentlichen Mitteln abgerissen werden. Von hier aus weitet sich der Blick auf die „shrinking cities“ weltweit.

Unter diesem Titel zeigt die Projektgruppe gleichen Namens in den Berliner Kunstwerken die Ergebnisse ihrer Recherche, die sie mit der großzügigen Förderung durch die Bundeskulturstiftung in den zurückliegenden zwei Jahren vorgenommen hat. Es handelt sich übrigens um ein „Initiativprojekt“ der Stiftung selbst, kein Antragsprojekt, was ihr drei Millionen Euro für einen Projektzeitraum von ingesamt drei Jahren wert war.

Als Beispielstädte wurden gewählt: Detroit im rust belt der USA als Beispiel für die Tendenz zur Suburbanisierung, Ivanovo in Russland für den postsozialistischen Wandel, Manchester/Liverpool als Muster der De-Industrialisierung – und Halle/Leipzig als Fallbeispiel vor der Haustür. Für weltweit alle schrumpfenden Städte lässt sich darüberhinaus der demografische Wandel als Ursache benennen. Ein bislang unerfüllter Wunsch der Projektgruppe unter Leitung des Architekten Philipp Oswalt ist die Untersuchung einer der schrumpfenden Städte Japans, um die miteinander verwobenen Entwicklungen „Bevölkerungsrückgang“ und „Überalterung“ zu dokumentieren.

Eine Dokumentationsausstellung ist es zuallererst geworden. Das Kondensat der Forschungen hingegen findet sich im 736-seitigen Begleitbuch, das als „Band 1“ bereits die Forsetzung der Recherche ankündigt. Es beeindruckt mit einer enormen Fülle von Essays, Fallstudien und Momentaufnahmen. Im Mittelpunkt der Ausstellung selbst steht die große Halle der Kunstwerke, in der ein achtteiliges Lattengerüst die jeweilige Bevölkerungsstatistik ins Dreidimensionale hebt und zugleich als Träger für eine Ereignisgeschichte der gewählten Orte dient.

Die Rückwand der Halle bedeckt eine „Weltkarte der schrumpfenden Städte“, die rund 400 der von diesem Schicksal betroffenen Städte ab 100000 Einwohnern aufführt, optisch geordnet nach derzeitiger Größe sowie der Schwere des Bevölkerungsverlustes, der im Einzelfall – so in Detroit – über 50 Prozent betragen kann. Bekannte Metropolen sind darunter – bei ihnen darf man Umlandwanderung als Ursache annehmen –, aber ebenso auch unbekannte Siedlungen, in denen man den Niedergang eines dominierenden Industriezweiges vermuten muss, ferner Hafenstädte, deren Frachtumschlag rückläufig ist oder wankende Vorposten der Zivilisation wie das sibirische Norilsk.

Was aus den vier Modellstädten – Doppelstädten in zwei der vier Fällen – ausgestellt wird, gehört weniger der Sphäre harter statistischer Fakten als der der künstlerischen Reaktion an. Für Detroit bietet sich die reiche Kulturszene afro-amerikanischer Prägung an, die vom legendären Plattenlabel „Motown“ bis zu eigentümlichen, an karibische Voodoo-Straßenaltäre gemahnende „Gedenkstätten“ für Mordopfer an irgendwelchen Straßenkreuzungen reichen kann. Das untere Ende der ökonomischen Skala bezeichnen die „scrapper“, die aus verlassenen Häusern Kabel herausreißen und diese in Supermarkt-Einkaufswagen anzünden, um das reine Metall zu erhalten und an Schrotthändler verkaufen zu können: Ein solcher, ausgeglühter Einkaufswagen wird vorgestellt. Aus Ivanovo stammen selbst geschaffene Handwerkszeuge wie Besen oder Steckdosenleisten, weil die Grundversorgung zusammengebrochen ist. Aus Manchester stammt das nachgebaute Büro einer Künstlergruppe in einem leergezogenen Wohnhochhaus vor dem Abriss – man meint den strengen Geruch der gesellschaftlichen Entsolidarisierung unter Thatcher in der Nase zu spüren. Deutschlands Osten hingegen prunkt mit „Beleuchteten Wiesen“ – fein erschlossenen Gewerbegebieten, denen es nur an einem mangelt: am umworbenen Gewerbe.

Selbst der Niedergang ist in Bundesdeutschland eben aufs Sorgfältigste austariert.Davon können Problemstädte anderer Länder nur träumen. Ob Russland oder die USA, einen innerstaatlichen Wohlstandstransfer wie in Deutschland kennen diese Länder nicht. Detroit ist keine gesamtstaatliche Aufgabe wie Leipzig, und Russland vergisst seine zahllosen Sorgenkinder ohnehin. Allein der drastische Wechsel Nordenglands von der Schwerindustrie zum Dienstleistungssektor stellt sich heute durchaus als Erfolgsstory dar.

Die Frage ist, was das Projekt „shrinking cities“ über die Konstatierung des Niederganges hinaus leisten kann. Die Ausstellung selbst verharrt, abgesehen vom beeindruckenden Zahlengerüst in der Haupthalle, im Pittoresken der Subkultur. Sie bedient eher den Schauer ihres Wohlstandspublikums angesichts der grotesken Überlebenskünste der gesellschaftlichen Verlierer. Das genau ist der Blickwinkel, unter dem das globale Phänomen der Schrumpfung bislang wahrgenommen wird: als allgemeiner Verlust, als Depravierung ganzer sozialer Schichten, als Niedergang der Kultur, die doch im Urbanen wurzelt. In historischer Perspektive jedoch zeigt sich, dass auch der vorangegangene Wachstumsprozess zu ähnlichen Friktionen geführt hatte, zu Ausbeutung, Verelendung und Verfall. Zumindest die westeuropäischen Städte, die heute Wegzug und Niedergang beklagen, waren vor ihrer Aufblähung im Zuge der Industrialisierung funktionierende Gemeinwesen hoher Kultur. Schrumpfung muss nicht bloß Niedergang heißen, es könnte auch die Chance der Rückkehr zum früheren Gleichgewicht eröffnen.

Die Diskussion um die Handhabbarkeit, womöglich gar Steuer- und Planbarkeit von Schrumpfungsprozessen, die die künftige Städtebaupolitik bestimmen wird, hat gerade erst begonnen. So kommt die Ausstellung in den Kunstwerken zum rechten Zeitpunkt. Doch über die Bestürzung angesichts der Schrumpfungsprozesse hinaus droht in den Hintergrund zu geraten, was mehr bedeutet als die absolute Einwohnerzahl. Wichtiger nämlich ist , das Leben im Gemeinwesen lebenswert zu gestalten – einerlei, wie viele Bürger am Ende bleiben.

Kunstwerke, Auguststr. 69 (Mitte), bis 7. November. Katalog bei Hatje Cantz, 22€, im Buchhandel 32 €.

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