Geburtstagsaustellung : Wehe, wenn er losgelassen!

Zum 70. des ewigwilden Herbert Achternbusch bemüht sich die Stadt München um Annäherung. Mit einer Ausstellung wird der Künstler und sein Leben geehrt.

Mirko Weber
Herbert Achternbusch wird 70
Prost Herbert Achternbusch! -Foto: dpa

Seine Wohnung, durch allerhand Kunst im Bau nobilitiert, befindet sich in der Burgstraße 9, auf Rufweite zum Münchner Rathaus und gleich neben der Buch- und Weinhandlung „Dichtung und Wahrheit“. Dort prüft er mitunter mit raubvogelhaftem Seitenblick, ob seine lieferbaren Bücher allesamt noch auf dem Bord stehen. Das tun sie, natürlich.

Über den Laden „Dichtung und Wahrheit“ hinaus bewegt sich Herbert Achternbusch, stets auf leisen Sohlen und immer wie auf detektivischer Fährte, in einem schmalen urbanen Dreieck. Neben der Burgstraße nämlich liegt das Wirtshaus Schneider, berühmt für sein Weißbier und eine Besonderheit, zu der Achternbusch eine ganze besondere Hassliebe unterhält. En passant porträtiert er dort jedenfalls gern die Kellnerinnen.

Ein weiterer Heimathafen für den oft misanthropisch daherschauenden Künstler ist das Café im Stadtmuseum, gleich hinterm Viktualienmarkt. Er kann dort stundenlang hocken, beim Espresso. Äußerlichkeiten jedweder Art bedeuten ihm wenig bis nichts. Dafür hat Herbert Achternbusch, der heute siebzig wird, ein zu bewegtes Innenleben. Wie ihn das bedrängt, darüber sagt die Wandnotiz auf Raufaser in der Burgstraße eine Menge aus. Achternbusch hat sie abfotografiert, und jetzt liest man in der Rathausgalerie, wo dem Sohn der Stadt geburtstagshalber eine Ausstellung spendiert wurde, hübsch hingekrakelt: „Du musst mich in Ruhe lassen, Herbert.“

Hat er aber nie, kann er gar nicht, packt er ned! Geboren als Herbert Schild in München, ist Achternbusch sich selbst als Maler, Schriftsteller und Filmemacher immer auf die Pelle gerückt – als Bayer und Künstler, kurzum als Anarch. Das ist nicht ohne Blessuren abgegangen. Der Schöpfer von Filmen wie „Der Komantsche“ und „Das Gespenst“, der Schreiber von Stücken wie „Ella“ und und „Die Daphne von Andechs“, der Maler, Regisseur und Schwadroneur (wehe, wenn er losgelassen!) hat die Großkopferten und Kleingeister in Politik, Kirche und Kultur so lange getriezt, bis die ihm kurzerhand den Geldhahn zudrehten, wie einst Filmförderer Friedrich Zimmermann von der CSU. „In Bayern“, hat Achternbusch dann gesagt, „möchte ich nicht einmal gestorben sein“.

Dabei wollte er nie ernstlich anderswohin. Neuerdings sind in der Burgstraße wieder viele Bilder entstanden, die in ihrer selbstbezüglichen Schonungslosigkeit und Schönheitswahnsinnswucht erstaunlich sind. Ohne Rahmen hängen sie jetzt im Rathaus: riesige, bunte, wüste, sanfte Reisen unter die achternbuschsche Schädeldecke, wo es zugeht wie in einem hochgebildeten Erwachsenenhirn, dessen eine Hälfte sich jedoch standhaft weigert, erwachsen zu werden. Ach, Achternbusch! Ein, nein, der Erbe Karl Valentins ist er – und sein am Ende vielleicht bestes Werk.

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