Kultur : Gedankentrip nach Lampedusa Kroesingers Doku-Abend „Frontex Security“

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Flieg, Gedanke. Szene aus Kroesingers „Frontex Security“. Foto: David Baltzer/HAU
Flieg, Gedanke. Szene aus Kroesingers „Frontex Security“. Foto: David Baltzer/HAU

Seit der Schiffskatastrophe vor Lampedusa, bei der am 3. Oktober 366 Menschen starben, sind die europäische Flüchtlingspolitik und die Grenzschutzagentur Frontex in aller Munde. Der Abend allerdings, den Hans-Werner Kroesinger unter dem Titel „Frontex Security“ im HAU 1 zeigt, surft mitnichten auf dieser Aktualitätswelle. Gründliche Sujet-Kenntnis bewies der 51-jährige Dokumentartheaterregisseur – seit jeher ein Vertreter profunder Analysen statt Aufmerksamkeit heischender Schnellschüsse – bereits 2012 in seinem Würzburger Flüchtlingsprojekt „Die Schutzflehenden“. Für „Frontex Security“ haben Kroesinger und seine Dramaturgin Regine Dura weitere Materialien recherchiert und so erhellend gegeneinandergeschnitten, dass man gerade im Detail sehr viel Neues erfährt.

Zunächst referieren vier smarte europäische Angestellte (Judica Albrecht, Sina Martens, Armin Dallapiccola, Lajos Talamonti) über ihr Betätigungsfeld. Die Floskeln, die dabei auf Valerie von Stillfrieds Konferenzbühne abgesondert werden, sitzen so locker wie die professionellen Abkürzungen, die permanent zwischen den Bürostühlen hin und her fliegen. Allerdings verschwinden zwischen Organisationen und Operationen à la ACT, IBM oder JRC entlastenderweise nicht nur die handelnden Individuen. Sondern auch die Botschaften und Kategorisierungsversuche der Agentur selbst verheddern sich in aufschlussreichen Widersprüchen.

Empörtes Frontex-Bashing ist die Sache dieses reflektierten Abends freilich nicht. Vielmehr betrachtet Kroesinger die Grenzschutzagentur im größtmöglichen historischen Kontext und arbeitet präzise heraus, an welchen Fixpunkten sich die europäische Asylpraxis jeweils durch welche Interessenlagen verändert hat und qua welcher glasklarer juristischer Argumente legitimiert. Kurzum: Die rhetorischen Figuren, die die Schauspieler entsprechend scharfsinnig gegeneinander ausspielen, zielen vor allem auf die Fragwürdigkeit unseres (europäischen) Selbstverständnisses. Und dabei geht es eben nicht nur um den Anzugträger, der uns generös daran erinnert, den „Wirtschaftsmigranten“ bitte „sauber“ vom „politischen Asylanten“ zu trennen und in der verschwiegenen Konsequenz also den vermeintlich unwürdigen vom vermeintlich würdigen Flüchtling zu unterscheiden. Sondern die abendfüllende Reflexionsaufgabe wird allerspätestens dann angemessen persönlich, wenn uns Kroesingers Akteure aus ihrem analytischen Argumentations-Pingpong heraus mit der (rhetorischen) Frage eines ranghohen Frontex-Funktionärs konfrontieren: „Was denken denn Sie, was passieren würde, wenn wir die Grenzen öffnen?“ Aufschlussreiches Schweigen im Saal.

Im zweiten Teil des Abends – wir sitzen jetzt diesseits des eisernen Vorhangs auf der Hinterbühne gleichsam auf Lampedusa – kommt dann nicht nur der smarte italienische Touristik-Funktionär zu Wort, der selbstverständlich bereit ist, „den Touristen ihr Geld zurückzuerstatten, wenn sie auf der Straße einen einzigen Migranten sehen“. Sondern hier erfahren wir auch von einer relativ leicht vermeidbaren Schiffskatastrophe, bei der 250 Menschen ertranken. Sie ereignete sich ziemlich genau eine Woche nach dem allgemeines Entsetzen auslösenden Vorfall vom 3. Oktober und hat in vielen Medien noch nicht einmal den Meldungsstatus erreicht. Christine Wahl

Wieder vom 18.–21.12., 20 Uhr.

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