Kultur : Gedenkstunde: Panzer vor der Tür

Christoph Funke

Den Weg ins Freie hat Einar Schleef, der am 21. Juli im Alter von 57 Jahren in Berlin gestorben ist, mit unnachsichtiger Strenge gesucht. Die Lebensform Sangerhausen, das Kleine, Enge und Beschränkte, war dabei für ihn immer wieder Ausgangspunkt und Ende vieler Fluchten. Auf den verschlungenen Wegen aus der Provinz und wieder in sie zurück stellte er sich der geschichtsträchtigen Frage, was die Paradiese taugen, die der Mensch zu schaffen versucht - kämpfend und leidend, tapfer und feige, ausgeliefert den großen Führern und ihren Alleinanspruch behauptenden Ideologien. "Panzer vor der Tür" heißt es in einer Notiz zum 17. Juni aus Schleefs Tagebuchprojekt: Diese Panzer sind gleichsam immer da, bei jedem Versuch, ins Leben zu kommen, Leben zu gestalten und zu behaupten.

Auch die letzte vollendete Arbeit Einar Schleefs, "Verratenes Volk" im Deutschen Theater Berlin - Premiere war 29. Mai 2000 -, ging den Möglichkeiten nach, Ideale der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Glücks in einen geschichtlichen, revolutionären Prozess einzubringen - und brachte das Scheitern in eine stürmische szenische Aktion. An diesen Theaterabend, der nur zehn Mal gezeigt werden konnte, erinnerte das Deutsche Theater nun noch einmal - und nahm Abschied von einem der bedeutendsten Theaterleute unserer Zeit. Noch einmal las Inge Keller, allein auf blendendweißer Bühne vor schmucklosem Rundhorizont, aus Miltons "Das verlorene Paradies" - sie brachte die Verse in Musik. Sie versetzte die Visionen vom glücklichen Landsitz, von den köstlichen Lustwäldern, vom aufmerksam beobachtenden Satan in Schwingungen, dem Vorgetragenen bedächtig nachspürend, mit einer Spur von List und Ironie.

Dann, in herabflutendem Dunkel, der Monolog der Marja Spiridonowa über Lenin und die blutige Geburt der Sowjetdiktatur, von Margit Bendokat als leidenschaftliche Anklage in den Raum gerufen. Das Thema von Aufstand und Niederlage, von der Vertreibung des Menschen aus den Illusionen - im "Verratenen Volk" in vielfacher Weise durchdacht und ins Spiel gebracht - erfuhr an diesem Nachmittag des Gedenkens eine eigentümliche, berührende Variante. Weltgeschichte mündete in die Biografie des Autors und führte nach Sangerhausen zurück. Auch die dort lebenden alten Damen (aus den "Totentrompeten", es lasen Gudrun Ritter und Christine Schorn) geben die Sehnsucht nicht auf, gemeinsam in der Heimat zu bleiben und doch nach Moskau zu kommen, also das Gewohnte hinter sich zu lassen und ihm zugleich treu zu bleiben.

Und noch einmal Sangerhausen, im schon erwähnten Tagepuchprojekt (vorgetragen von Hans-Ulrich Müller-Schwefe). Schleef ringt schreibend mit diesem besonderen Tag, dem 17. Juni. Versucht ihn, aus der Perspektive des Kindes, mit immer neuen Anläufen zu erfassen. Ein Grunderlebnis drängt zur Gestaltung, das weiteren dichterischen Versuchen aufgeprägt bleibt. Eine Gedenkstunde voll großer, strenger Spannung, auch mit den Liedern, die Mitglieder des Konzertchors der Staatsoper vortrugen - in der ruhigen, gemessenen Choreografie des Meisters. Übrigens blieb kein Platz unbesetzt, lange Schlangen hatten sich an den Kassen gebildet - Einar Schleef hätte diese Popularität vermutlich überrascht. Berlins Publikum zeigte wieder einmal sein sicheres Gespür für großes Theater.

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