Gedenktage im Jahr 2015 : Deutscher Liederabend

2015 werden historische Großdaten gefeiert: Vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit, starb Anne Frank, ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Aber bei der Vorbereitung der Jubiläen kommt es auch zu Peinlichkeiten. Ein Beispiel: die Einladung der NRW-Landesvertretung zu einem Theaterabend in Berlin.

Peter Becker
Todesgleis. Auschwitz im Winter.
Todesgleis. Auschwitz im Winter.Foto: AFP

Den Anfang im kulturell historischen Gedenken des Jahres 2015 macht Frankfurt am Main. Es geht zuerst um die symbolischen Großdaten: 70 Jahre seit der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai. Frankfurt, die Geburtsstadt des wohl weltbekanntesten Holocaust-Opfers, lädt am kommenden Samstag ins Schauspielhaus ein zu zwei Veranstaltungen zum 70. Todestag von Anne Frank, und am Sonntag folgt die Uraufführung einer Theaterversion von Günter Grass’ Weltkriegs-Epos „Die Blechtrommel“, inszeniert vom Hausherrn Oliver Reese, dem designierten Intendanten und Peymann-Nachfolger am Berliner Ensemble.

Im thematischen Kontext wird’s dann landauf, landab noch viele Ausstellungen und Auftritte geben. Zudem hat gestern der Bundespräsident seine Teilnahme an einer Feier in Auschwitz angekündigt. Zeitgleich finden wir in der Post eine Einladung aus Berlin. Sie kommt von der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund.

Auf dem Flyer der NRW-Botschaft ist außen die Synagoge von Herne zu sehen. Erst auf den zweiten Blick erscheint das Foto als Montage, in den großkuppeligen Sakralbau ist als Annex noch ein kleineres Bürohaus einkopiert. Tatsächlich wurde die Synagoge in der Pogromnacht 1938 zerstört, heute steht dort (verrät das Internet) allein eine Niederlassung der AOK.

Dann schlagen wir den Flyer auf und lesen: „Zum Gedenken an den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz lade ich Sie herzlich ein zu einem Abend mit Theaterstücken, Liedern, Texten und Collagen. Gespielt und gesungen von Schülerinnen und Schülern des ,Kohlengräberland‘-Projektes der Erich-Fried-Gesamtschule Herne und des Zeitgeist-Ensembles Ruhr.“ Unterschrieben hat die NRW-Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien. Doch beherrscht wird die Doppelseite von einem Foto der erwähnten jungen Leute – in NS-Uniformen. Die Mädels als nacktbeinige BDM-Jungfern, die Jungs in markiger Pose als Braunhemden in HJ-Anzügen mit Hakenkreuzbinden.

Die Kostümierung mag einem gut gemeinten Geschichtskunde-Projekt entstammen, und falls es um Nazi-Jungscharenlieder geht, wird das sicher nur kritisch gesungen. Aber als Bild auf einer Einladung zur Auschwitz-Befreiung? 70 Jahre später sind offenbar eine lange Zeit.

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