Gedicht von Ellen Hinsey : The Illegal Age / Das Zeitalter der Rechtswidrigkeit

Die USA verändern sich in diesen Tagen dramatisch. Die US-amerikanische Lyrikerin und Schriftstellerin Ellen Hinsey hat ein Gedicht zu Donald Trumps Amerika geschrieben.

Ellen Hinsey
Eine Verschiebung des Breitengrades. Proteste in Manhattan gegen Trumps Immigrationspolitik.
Eine Verschiebung des Breitengrades. Proteste in Manhattan gegen Trumps Immigrationspolitik.Foto: AFP

The Illegal Age

You too have felt it: the imperceptible shift in latitude.

The way the air resistedly parts before the iron wedge of storm.

Later, you will recall you once sensed it – in the instant of darkness before daybreak, for which we have no name.

Do not think it has not been prepared; do not think there are not those who are waiting.

Later, you will remember the air smelled of precision; you will recollect how doubt wordlessly descended.

Was it in those final moments, when they were led down to the water before the terrible act, that you first suspected?

You too will believe you were alone to perceive the tenebrous advance heralded by manacles.

A way forward has been made for the hour without mercy.

Later, you will recall how each letter tightened in the throat; the tongue stammering into silence.

Don’t think your compliance is not being observed.

Later, you will realize that compromise is the wood that burns most brightly in the hour before regret.

But by then, all the doors will have been marked in yellow chalk.

Still, let us not pass each other this final time, without recognition, without looking each other in the eye.

Remember: in the ink-light of testimony, a record may still be kept.

Zur Autorin

Ellen Hinsey, 1960 in Boston, Massachusetts, geboren, lebt als Dichterin, Schriftstellerin und Essayistin derzeit in Berlin, wo sie 2015 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD war. Im März erscheinen bei Suhrkamp unter dem Titel „Der magnetische Norden“ ihre Gespräche mit dem litauischen Dichter Tomas Venclova und bei Matthes & Seitz ihr Lyrikband „Des Menschen Element“.

Das Zeitalter der Rechtswidrigkeit

Auch du hast sie gespürt: die unmerkliche Verschiebung des Breitengrads.

Wie die Luft sich widerständig teilt vor dem Eisenkeil des Sturms.

Später entsinnst du dich, es einst geahnt zu haben – in der kurzen Finsternis vor dem Morgengrauen, für die wir keinen Namen haben.

Glaub nicht, es sei nicht vorbereitet worden; glaub nicht, es gäbe sie nicht, sie, die warten.

Später erinnerst du dich, dass die Luft nach Präzision roch; du weißt wieder, wie der Zweifel wortlos herabsank.

In diesen letzten Momenten, als man sie zum Wasser führte vor der Schreckenstat, schöpftest du da den ersten Verdacht?

Auch du wirst glauben, du allein hättest den dunklen Vorstoß bemerkt, deren Vorbote Handfesseln waren.

Ein Weg wurde der gnadenlosen Stunde gebahnt.

Später entsinnst du dich, wie jeder Buchstabe sich in deinem Hals zusammenzog, die Zunge sich ins Schweigen stammelte.

Glaub nicht, deine Fügsamkeit werde nicht beobachtet.

Später erkennst du, Kompromiss ist das Holz, das in der Stunde vor der Reue am hellsten brennt.

Doch bis dahin sind längst alle Türen mit gelber Kreide gezeichnet.

Lass uns dennoch dieses letzte Mal nicht aneinander vorbeigehen, ohne uns zu erkennen, ohne uns in die Augen zu schauen.

Erinnere dich: Im Tintenlicht der Zeugenschaft könnte es eine Niederschrift geben.

Aus dem amerikanischen Englisch von Margitt Lehbert

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