Kultur : Gefährliche Liegenschaften

Eine Reise zu den ehemaligen Heilstätten von Hohenlychen in der Uckermark / Von Dagmar Leupold

-

Von Berlin nach Hohenlychen in der Uckermark sind es ungefähr achtzig Kilometer, eigentlich führt die Bundesstraße 96 über Oranienburg und Fürstenberg schnurgerade dorthin – wären da nicht die vielen Umleitungen: Glücksfälle. Man taucht ein in Allee um Allee, Linden, Platanen, Akazien – sattes Grün, mattes Grün, eine bewegte Dramaturgie aus Schatten und Licht. In den Ortschaften, die man durchfährt, gibt es neben den allgegenwärtigen Filialisten auffallend viele Fahrschulen: Auf den Stufen sitzen die jungen Führerscheinanwärter, rauchen, telefonieren, schreiben SMS, den Blick glasig in eine Ferne gerichtet, die der Ort nicht hergibt. Einige von den Jungen und Mädchen, denke ich, werden bei der nächsten Gelegenheit ihr Auto um einen Baumstamm wickeln und von ihren Freunden ein kleines kitschiges Grabmal erhalten, mit Stofftierchen, in Plastikfolie eingeschweißten Liebesbotschaften, Kerzen und Fotos.

Erstaunlicherweise hat noch kein findiger Investor versucht, Lychen und die angrenzenden ehemaligen Heilstätten Hohenlychen als Venedig des Ostens zu verkaufen. Wasser genug gäbe es. Nach einem kurzen Fußweg vorbei an den Ruinen des ehemaligen Bahnhofs, am ehemaligen Kurhotel Hohenlychen, im Krieg bombardiert, stehe ich schließlich vor dem riesigen Gelände. Die letzte Eiszeit, denke ich, liegt einen Lidschlag zurück; ihre Kälte reicht in die Gegenwart.

Die ehemaligen Heilstätten Hohenlychen – 1903 von einem gewissen Gotthold Pannwitz als Volksheilstätten des Deutschen Roten Kreuzes gegründet – liegen direkt am Zenssee. Dieselbe Entschlossenheit, derselbe Pragmatismus, mit denen er in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Choleraepidemie in Hamburg durch den Einsatz von transportablen Baracken bekämpft hatte, zeigte er auch bei der Planung der Heilstätten: ein Gelände, groß wie ein Dorf, darauf zwischen Kiefern und Tannen neben den Gebäuden mit den Abteilungen für Frauen und Kinder auch eine Gartenbauschule, eine Haushaltsschule und eine Badeanstalt – kurz: Pannwitz vertrat ein ganzheitliches Konzept, bei dem die Rehabilitation nicht nur in der Wiederherstellung der Gesundheit bestand, sondern auch in der Vorbereitung auf ein Leben nach der Tuberkulose.

Die Einrichtung des Sanatoriums brachte Lychen eine Beförderung zum Luftkurort, wirtschaftlichen Aufschwung, Elektrizität, Wasserleitungen und gepflasterte Straßen. Ein Fortschritt, der im Olympiadejahr 1936 mit den ersten Erweiterungsbauten der neuen Machthaber – allem voran das Sportsanatorium für die Rehabilitation tüchtiger deutscher Athleten – und hohem Besuch von NSDAP-Funktionären honoriert wurde. Hohenlychen war schick. Aus dem sozialhumanitären Erholungsraum war eine ehrgeizige, elitäre Leistungsanstalt mit professionellen Sportanlagen geworden. Jetzt: ein paar Ruderboote, ein Floß, eine Entenfamilie, Krähen. Leichter Nieselregen, am Uferrand ein verödeter Kinderspielplatz. Die Anlage eines Sandkastens konnte man sich sparen – überall liegt hier Sand, rötlicher, feuchter, fester Sand, der im Nu die Schuhe füllt. Das riesige Gelände der Heilstätten, das seit dem Abzug der Sowjets 1993 brachliegt, ist mit Stacheldraht umzäunt. An der Auffahrt zum ehemaligen Sportsanatorium liegen Bruchstücke von Muscheln, dicht wie Kies. Mannshoch, hüfthoch, kniehoch das Gras um die Anlage herum, aus den Balkonen im ersten Stock des großen, an der Hauptstraße gelegenen Gebäudes sprießen, triumphal wie siegreiche Saboteure, Schösslinge von Akazien.

Durch ein Dickicht von hohen Gräsern, Brennnesseln, Löwenzahn und Unrat wate ich bis zur Umzäunung, lese die Warnung des Eigentümers, des Landes Brandenburg: Betreten und Befahren verboten. Ehemalige militärische Kasernenanlage. Von der Liegenschaft gehen erhebliche Gefahren für Leben und Gesundheit aus. Insbesondere von: Bauwerken Unterirdischen Anlagen Munition und Munitionsteilen.

Wenn hier etwas in die Luft geht, dann Geschichte, aber vielleicht ist das ja gemeint mit unterirdischen Anlagen. Und wie passend das Wort Liegenschaften. Es drückt das Tote, Verkommene, das Liegengebliebene gegen alle bürokratische Absicht wunderbar aus.

Dreierlei Ruinen sehe ich: die eines beseelten Sendungsbewusstseins – Pannwitz hatte sich neben der allgemeinen Verbesserung der Volksgesundheit zur Aufgabe gemacht, die Lungentuberkulose zu besiegen, die eines bestialischen Vernichtungswillens, der hier während des Krieges auch das Heilen einschloss (zum Lazarett umgewandelt waren die nationalsozialistischen Heilstätten gewissermaßen eine Heldenreparaturstation) und schließlich die Ruinen eines zwar realen, aber seiner utopischen Kraft beraubten Sozialismus. Bei der Übernahme Hohenlychens 1945 durch die sowjetischen Alliierten wurde ein Großteil der Infrastruktur und der teuren Geräte mutwillig zerstört.

Die Fahrt nach Hohenlychen führt durch zwei ehemalige Konzentrationslager, Sachsenhausen und Ravensbrück. Die Nähe zu Ravensbrück wurde von den Nazis strategisch genutzt: Da die Statuten nicht erlaubten, dass medizinische Experimente an Menschen in den Räumlichkeiten von Krankenhäusern und Heilstätten, bzw. Lazaretten, zu denen sie im Krieg wurden, durchgeführt wurden, wies Himmler den Leiter der Heilstätten, Professor Karl Gebhardt, einen ehemaligen Schulfreund, an, Ärzte von Hohenlychen nach Ravensbrück abzuziehen oder Ärzte des Lagers mit den „Operationen“ zu beauftragen. Man brach den inhaftierten Frauen – Polinnen, die demWiderstand angehört hatten und zum Tode verurteilt worden waren – ihre Knochen, fügte ihnen Wunden zu, infizierte sie mit Bakterien, Holz- und Glassplittern und behandelte die Infektionen mit Sulfonamid, dessen Unwirksamkeit bereits feststand.

Ich verstehe etwas, aber es ist ein prekäres Verstehen, eines auf Widerruf, fürchte ich, das sich der Fixierung entzieht oder im Moment der Übersetzung in Sprache sich gleichsam automatisch formuliert – wie bei einer SMS mit Worterkennungsprogramm. Kaum dass die Deutungen einsetzen, sind die aus den Bildern gewonnenen Einsichten bereits mit dem Verdacht kontaminiert, ein „Format“ zu haben: Feature, Spielfilm, Gedenkritual.

Und die Schönheit der Landschaft: Sie steigert das Gefühl der erkenntnistheoretischen Ausweglosigkeit; die milden Hügel und glatten Seen werden ebenso von diesem konfektionierten Blick erfasst, dem mehr nicht gelingt, als mit einem gewissen Ressentiment festzustellen, dass sie sich als Kulisse vereinnahmen ließen und ihre Schönheit keine korrektive Kraft besitzt – so wenig wie Erbautes.

Ich gehe weiter zur Seeseite, von Osten kommend diesmal. An einigen Stellen ist der Zaun beschädigt, ich überlege kurz, ob ich durch auf das Gelände vordringen soll, tue es nicht. Es geht nicht darum, ein Geheimnis oder etwas noch nicht Gewusstes zu entdecken; es geht um die Emanzipation des Blicks, um die Erlösung aus der Konfektion. Oder die Unmöglichkeit desselben. Diese Gewissheit wie einen leeren Rucksack geschultert, marschiere ich weiter. Adrette Einfamilienhäuser säumen die gegenüberliegende Seite der Straße, die zum See hinabführt. Auf dem erst millimeterhohen, artifiziell grünen Rasen stehen Wassersprenger, die Rasenflächen von Tagetesrabatten umsäumt mit der tyrannischen Pedanterie von Hohlsaumstickerei. Die Terrassenseite zeigt zum See, die Küchenfenster zu den Heilstätten. Man kocht, spült das Geschirr, frühstückt, Hohenlychen durch das Fenster wie gerahmt vor sich – welchen Blick wirft man darauf, wie wurde das Bauland angepriesen: Seeblick sicherlich und Natur. Als ich ins Auto steige, nach Lychen zurückfahre, sehe ich im Außenspiegel einen Krähenschwarm, gediegene Choreografie über den Ruinen, in ihrem Flug wirkt der eben noch geduckte Himmel auf einmal hoch. Vor dem Café, in das ich einkehre, steht ein großer Tourenbus mit der Aufschrift „Busradeln“. Im weiten, zum See sich öffnenden Hauptraum sitzt eine Gruppe fideler Senioren bei Kaffee und Kuchen. Russischer Zupfkuchen, Cappuccino nur mit Sahne. Das oder gar nichts, sagt die Bedienung.

Ich verschlinge den Zupfkuchen und beginne in dem Buch zu lesen, auf das ich im zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher gestoßen war: Fred Schmidt, Mit MR12 über den Ozean. Die abenteuerliche Heimfahrt der Fünf von der „Windhuk“. Auflage 150 000, erschienen 1940 im Berliner Verlag Ernst Steiniger. Eigentum der Heilstätten Hohenlychen ist auf die erste Seite gestempelt, es gehörte folglich zur hauseigenen Bibliothek.

Ich blättere darin, betrachte die Fotos entlang der Route, deren Bildunterschriften (Gran Canaria, Die Insel des ewigen Frühlings) in ihrer Beschaulichkeit gruseln machen – als gäbe es keinen Krieg. Fred Schmidt, der Autor, ist, wie sich zeigt, Käpt’n. Und gibt eingangs zum besten: Es gibt drei Dinge, die einem Seemann das seelische Gleichgewicht zu rauben vermögen. Erstens: eine neue Piep anrauchen. Ad zwo: unter Deck bleiben müssen, wenn an Deck „was los“ ist. Und drittens und schlimmstens: im Ausland vom Kriegsausbruch erwischt werden und dann den Krieg als Internierter vertrauern! Der dritte und „schlimmste“ Fall war eingetreten, England hatte Deutschland den Krieg erklärt, und die fünf Seemänner, die das als unerträgliche Schmach erleben, machen sich im Rettungsboot der Windhuk auf an die Front. Laß kommen, wie’s will: zu Hause ist Krieg, und wir wollen nach Hause.

Ein abstoßendes Buch – aber das Furchtbarste an ihm ist sein Gestank. Das Buch stinkt, als sei es getränkt mit dem Hass, dem unbedingten Gehorsam, der Zerstörungswut, die es – gemütlich-jovial – predigt, das Buch stinkt, als hätte es zwischen blutigen, eitrigen Verbänden der verwundeten Soldaten gelegen, die ins Lazarett eingeliefert wurden. Was für eine Lektüre für einen frisch Amputierten! Ein gesunder Körper mag durchaus zum Volkskörper gehören (bei entsprechender Verblendung), ein versehrter wird umgehend wieder zum eigenen. Ich halte das Buch auf Armlänge von mir entfernt – roch so nicht das ganze Gelände, ging nicht ein ähnlicher modriger Geruch von den maroden Mauern, den putzigen Giebelchen und dem morschen Fachwerk aus? Die Bedienung erscheint zum Abkassieren, auch die Senioren sind im Aufbruch.

Dagmar Leupold, Jg. 1955, lebt bei München. Zuletzt erschienen bei C. H. Beck ihr Roman „Nach den Kriegen“ und die Literaturessays „Alphabet zu Fuß“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar