Kultur : Gefällt Ihnen Ihre Doppelexistenz, Mr.Begley?

Louis Begley debütierte im Alter von 57 Jahren mit dem autobiographisch inspirierten Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" (1991), der ihn sofort international bekannt machte.1933 als Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie geboren, überlebte er dank geschickter Verstellungsstrategien seiner Mutter den Holocaust.Nach dem Krieg wanderte Begley mit seinen Eltern in die USA aus, absolvierte in Harvard das Studium der Literaturwissenschaften und besuchte anschließend die Harvard Law School.Seit 1959 arbeitet er als Rechtsanwalt für eine renommierte Kanzlei an der Wall Street.Auch seine folgenden Romane "Der Mann, der zu spät kam", "Wie Max es sah" und "Schmidt" waren in Amerika und Deutschland Publikumserfolge.Sein fünfter Roman "Mistlers Abschied" ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen.Mit Louis Begley sprach Maike Albath

TAGESSPIEGEL: Sexuelle Beziehungen spielen in Ihren Büchern eine wichtige Rolle.Derzeit scheint ganz Amerika mit diesem Thema beschäftigt zu sein, überall diskutiert man die sexuellen Eskapaden des Präsidenten.Wie beurteilen Sie den Umgang mit dieser Geschichte?

BEGLEY: Sexualität spielt in meinen Romanen eine Rolle, weil es einfach eine unglaubliche Kraft ist, die das Leben der Menschen völlig durcheinander bringen kann.Das zeigt auch die Lewinsky-Affäre.Ich halte diese Geschichte für eine nationale Katastrophe, die den Ruf der amerikanischen Öffentlichkeit ruiniert.Im Privaten, in der Hitze der Leidenschaften, ist Sex etwas Wundervolles, aber anderen durchs Schlüsselloch dabei zuzuschauen, hat etwas Pornographisches.Kenneth Starr ist ein Fanatiker, ein Eiferer, angetrieben von einem geradezu irrationalen Haß auf Clinton, und er hat mit seiner Untersuchung das Land zu einer Nation von verstohlenen Glotzern, von Voyeuren gemacht.

Was den Umgang mit der Affäre betrifft, müssen Sie bedenken, daß in Amerika das Gesetz, die Rechtssprechung und gerichtliche Prozesse eine enorme Bedeutung haben und man auf Unregelmäßigkeiten sehr empfindlich reagiert.Clinton und seine Berater haben einen großen Fehler gemacht.Als Präsident hätte er die Beantwortung derartig intimer Fragen rundweg ablehnen müssen, statt dessen hat er sich auf Diskussionen eingelassen, Ausflüchte gebraucht, was etwas unfreiwillig Komisches bekam.Sein Verhalten ist trotzdem unverzeihlich.Er war nachlässig, unbedacht, unverantwortlich, hat sein Amt mißbraucht und ein immenses politisches Kapital verspielt, das er für bessere Zwecke hätte benutzen sollen.

TAGESSPIEGEL: Sie arbeiten seit 40 Jahren mit großem Erfolg als Wirtschaftsanwalt.Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf? Gibt es Verbindungen mit Ihrer Arbeit als Schriftsteller?

BEGLEY: Die Angelegenheiten, mit denen ich als Rechtsanwalt befaßt bin, ähneln einem Pokerspiel.Es ist vielleicht das größte Spiel der Welt.Denn man bemüht sich darum, möglichst viel für seinen Klienten herauszuholen und besser zu sein als der Anwalt der Gegenseite, die Regeln geschickter zu gebrauchen.Für mich ist es eine intellektuelle und emotionale Herausforderung, und ich finde es unendlich amüsant.Geld ist mir gleichgültig.Es fasziniert mich zu beobachten, wie Macht die Leute verändert.Ich habe vor allem mit großen Transaktionen zu tun, mit Firmenfusionen und kompliziertem Vertragsrecht, aber ich will Sie nicht mit Details über meine Arbeit langweilen, denn das ist nur für jemanden interessant, der diesen Beruf ausübt.Mein Beruf bringt es mit sich, daß ich sehr viel reise, viel erlebe, ganz verschiedene Leute kennenlerne und oft unter schwierigen Bedingungen extrem komplizierte Situationen lösen muß, bei denen für meine Klienten alles auf dem Spiel steht.Dadurch habe ich eine Menge Material sammeln können, von ganz unterschiedlichen Schicksalen erfahren, und das benutze ich dann für meine Bücher.Es wäre auch nicht anders, wenn ich Kaffeehändler wäre und zum Beispiel nach Ecuador oder Columbien reisen müßte und beim Einkauf von Kaffeebohnen Abenteuer erlebte.

TAGESSPIEGEL: Gefällt Ihnen diese Doppelexistenz? Sie haben in den letzten sieben Jahren fünf Romane veröffentlicht und sind gleichzeitig Rechtsanwalt.Wie organisieren Sie Ihre schriftstellerische Arbeit?

BEGLEY: Meine Romane schreibe ich an Wochenenden und im Urlaub.Es gibt kein Organisationsgeheimnis.Ich verzichte auf vieles, was ich sehr gerne tue, wie Mittagsschläfe, lange Spaziergänge, Schwimmen oder Kinobesuche.Manchmal frage ich mich, ob es das wert ist.Aber Schreiben ist für mich eine sehr glückliche Beschäftigung, ich bin also mit meiner Doppelexistenz ganz zufrieden und möchte weder das eine noch das andere missen.Seit meiner Kindheit ist Literatur ein wichtiger Teil meines Lebens, der mir sogar oft realer erschien als die Wirklichkeit.Wenn ich mit einem neuen Roman anfange, habe ich als erstes immer die Hauptfigur im Kopf, ich weiß ihren Namen, kenne ihre Stimme und ihr Gesicht.Und ich habe eine Idee, was den Grundkonflikt betrifft, die ersten Verwicklungen.Das Ende kenne ich auch.Ich mache mir nie einen Plan, sondern fange ganz einfach an zu schreiben, und dafür ist mir meine Erfahrung als Rechtsanwalt vielleicht doch nützlich.Denn Rechtsanwälte müssen sehr viel schreiben, sie können nicht auf Inspiration warten, Müdigkeit oder schlechte Stimmung als Ausrede benutzen oder auf die Wetterlage Rücksicht nehmen.Sie setzen sich hin und schreiben, und genau das tue ich auch.

TAGESSPIEGEL: Ihre Figuren leiden oft unter dem Gefühl einer existentiellen Fremdheit, sie haben den Eindruck, anders zu sein als die Menschen in ihrer Umgebung, und sind sich der eigenen Identität nicht ganz sicher.Ist das etwas, das Sie schon in Ihrer Kindheit beschäftigte?

BEGLEY: In meinem Fall ging es um Verstellung, wenn nicht gar um Betrug.Als die Deutschen in Polen einmarschierten, mußte ich so tun, als sei ich ein kleiner polnischer Junge.Das war extrem schwierig, zumal ich gar keine besonderen jüdischen Angewohnheiten hatte, die ich einfach hätte verstecken können.Ich mußte plötzlich eine fremde Identität erfinden, sie annehmen und am Leben erhalten und mich selbst verleugnen.Das war eine furchtbare Erfahrung, vor allen Dingen in emotionaler Hinsicht, und es hatte auch nach dem Krieg noch kein Ende.Als ich 14 Jahre alt war, wanderte meine Familie in die USA aus.Dort war es endlich nicht mehr notwendig, sich zu verstellen.Aber ich fühlte mich, als stünde ich auf Treibsand, als verlöre ich buchstäblich den Boden unter den Füßen, also wurde ich Amerikaner.Ich habe wieder meine Identität geändert und mir ein neues Ich aufgebaut.Ich wollte unbedingt Amerikaner sein und war damit nach einer Weile ziemlich erfolgreich.Ich wurde ja sogar ein begeisterter amerikanischer Rechtsanwalt.Gleichzeitig lebte in mir ein zweites Ich, dieses noch unverpuppte Schriftsteller-Baby-Ich.Das führte zu einer professionellen Deformation, ich beobachtete mich selbst und ging immer davon aus, daß alles, was ich wahrnahm, nur ein Teil der Geschichte sein könne, daß alles nur Schein sei und sich dahinter etwas ganz anderes verberge.Es geht also immer um ein Spiel mit Illusionen, und auch Schreiben ist ja ein Akt der Verstellung.Eigentlich war ich mein ganzes Leben lang ein Illusionist.

TAGESSPIEGEL: Ihre jüngsten Bücher lassen sich als Gesellschaftsromane bezeichnen, und sehr oft stehen Familienbeziehungen im Mittelpunkt.Sowohl in "Schmidt" als auch in "Mistlers Abschied" entfremden sich Väter von ihren Kindern.

BEGLEY: Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind das Schwierigste, was es überhaupt gibt und deshalb auch literarisch interessant.Ich habe mehrere Kinder und Schwiegerkinder, und zu allen sind die Beziehungen sehr eng, sehr ungetrübt.Für mich ist meine Familie das Allerwichtigste im Leben.Ich denke, je mehr man seine Kinder liebt, je sicherer man sich ihrer Liebe fühlt und je mehr man über diese Dinge nachdenkt, desto stärker nimmt man mögliche Fehler wahr, sieht Wege, die verbaut wurden, Verletzungen, die passiert sind und die man nicht verzeihen kann.Vor allem wenn man älter wird und weiß, daß sich das eigene Leben nicht mehr großartig ändern wird, macht es einen glücklich, wenn das Leben der Kinder die richtige Wendung nimmt.

Gerade weil ich mit meinen Kindern so glücklich bin, denke ich in meinen Büchern über das Gegenteil nach.Zwischen Schmidt und seiner Tochter Charlotte gibt es Mißstimmungen, weil sie einen Mann heiratet, den ihr Vater nicht mag.Aber Schmidt lernt eine junge Frau kennen und findet eine Art Tochterersatz.Und Mistler wird sich angesichts des Todes seiner Fehler bewußt.

TAGESSPIEGEL: Wie fühlen Sie sich in Berlin, der Stadt, die untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden ist?

BEGLEY: Das ist ein schwieriges Thema.Mir gefällt Berlin, aber der Ort ruft auch immer Erinnerungen wach.Direkt nach dem Krieg habe ich für die Deutschen nichts als Haß, Angst und Panik empfunden, weil ich wußte, was sie getan hatten und jederzeit wieder tun könnten.Ich habe es vermieden, Deutsch zu sprechen, Deutsch zu lesen.Durch eine Laune des Schicksals kam ich während meines Militärdienstes 1954 ausgerechnet nach Deutschland und wurde hier stationiert.Ältere Deutsche konnte ich nur schwer ertragen, aber ich lernte auch jüngere kennen.Mein Bild wurde komplexer.Heute habe ich überwiegend mit jüngeren Leuten zu tun, die ich nicht für die Geschichte verantwortlich machen kann und will.Ich glaube nicht an genetische Schuld oder genetische Determination.Ich bin sehr erleichtert, daß ich heute mit Deutschen so umgehen kann wie mit allen anderen.

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