Kultur : Gegenwart zischt

Wiederentdeckung eines Rituals: Galerien in Berlin-Mitte laden heute zum Rundgang

Peter Herbstreuth

Im Frühling 1992 hatten Galeristen in Berlin-Mitte die geniale Idee, mit einem regelmäßig wiederkehrenden „Rundgang“ auf das gerade im Entstehen begriffene Galerienviertel aufmerksam zu machen. Der durchschlagende Erfolg diktierte einige Jahre die Eröffnungen und führte zu wahren Prozessionen rund um die Auguststraße mit anschließenden Partys bis in den Sonntagmorgen. Wie jede erfolgreiche Idee produzierte sie bald Ketzer. Plötzlich wollten einige Galeristen die rauchenden, trinkenden und in keiner Weise zum Kauf gestimmten Scharen auf Abstand halten und verschlossen demonstrativ beim „Rundgang“ ihre Türen.

Doch selbst eine Abkehr vom festlichen Trubel bestätigte nur die Strahlkraft des rituell erzeugten Optimismus’, repräsentierte er doch die zunehmende Vernetzung im Kunstmetier und gab Neuankömmlingen einen Platz im Gefüge. Beim „Rundgang“ kam die junge Galerieszene mit ihrer zentrifugalen Kraft zu sich selbst. Später griffen sogar die Museen die Idee auf und kreierten die „Lange Nacht“ – größer, teurer, festlicher. Doch wenn es zu den wichtigsten Leistungen der Kultur einer Stadt gehört, kollektive Gewohnheiten auszubilden, die das Neue integrieren, dann war der „Rundgang“ ein Förderband der Innovation. Ohne den Galeristen von Eigen + Art, Gerd Harry Lybke, gäbe es diese Einrichtung allerdings schon lange nicht mehr. Unbeirrt legt er die Termine fest – mag sich von den naturgemäß uneinigen Kunsthändlern daran halten, wer will.

Heute eröffnet immerhin fast ein Dutzend Galerien mit neuen Ausstellungen. Und nach wie vor spielt Figuratives eine zentrale Rolle. Was die Künstler zeigen, stammt meist aus anderem Zusammenhang. Viele übertragen und bearbeiten, was durch Film, Fernsehen und elektronische Archive verfügbar ist und fiktionalisieren es noch einmal. Jenseits der Datenbanken endet ihre Welt. Darin mag man eine retrospektive Tendenz mit bisweilen kritischen Akzenten erkennen. Denn diese Künstler nehmen nur wahr, was sie im apparategestützten Atelier bequem abrufen, sampeln und variieren können, um das allgemein Verfügbare nach Gutdünken zu individualisieren. Ihre Werke lassen sich in den allseits bekannten Kategorien postmoderner Aneignung beschreiben, die in den achtziger Jahren entwickelt worden sind: neuer Wein in handelsüblichen Flaschen – und letztlich eine Geschmacksfrage. Für die Darstellung ungeklärter Wirklichkeit ist mit solcherlei Simulationen wenig gewonnen, doch im Einzelnen bieten sie bisweilen einen unwiderstehlichen Augenschmaus. Und die dienstbare Individualisierung der Künstler entspricht dem fröhlichen Hedonismus eines Teils des Publikums.

In der Produzentengalerie Liga (Tieckstraße 9; bis 31. Januar) eröffnet in diesem Sinne der 1972 geborene Newcomer Tom Fabritius mit dunkelgrundiger Malerei. Seine Motive kommen aus dem Fernsehen und sind gekonnt ins Stillleben-Genre transferiert worden (um 6000 Euro). Die Schau bekräftigt einmal mehr das Profil einer Galerie, die sich bis auf wenige Ausnahmen diversen figurativen Retro-Stilen verschrieben hat und wie eine Außenstelle der Firma Manufactum die Aura der guten alten Dinge neu belebt.

Bei Jacky Strenz (Gipsstraße 5, bis 7. Februar) versuchen drei Künstler aus London die Galerie explizit institutionskritisch als symbolischen Raum erkennbar zu machen. Smart und selbstreflexiv fallen sie sich immer wieder gegenseitig ins Wort, führen vor, was sie tun, variieren Fellinis „8 1/2“, verdeutlichen ihr Tun als Wertschöpfungsversuch und rufen wie Kinder beim Radfahren: „Schau Papa, freihändig!“. Im Kunstraum rettet einen dabei nur Ironie. So zeigt Manuela Ribadeneira die Codes der Kunst als Spiel zwischen Erwartung und Ernüchterung. Der „White Cube“ wird zum Thema in 550 Teilen (rund 1300 Euro). Die Schau will, so die Kuratorin, „die Regeln unterlaufen und den Glauben an Kunst durcheinander bringen“.

Zu den Highlights gehört die heutige Eröffnung von Frank Nitsche in der Galerie Max Hetzler (Zimmerstraße 90/91, bis 14. Februar). Er war neben den Malern Thomas Scheibitz und Eberhard Havekost aus der Dresdner Tiefebene aufgestiegen und wie seine Mitstreiter schnell – und falsch – als „Dresden Pop“ im Gespräch. Denn Nitsche verarbeitet nichts Wiedererkennbares. Man kann seine Formen nicht benennen. Sie vibrieren paradox zwischen extensiver Oberflächenspannung und Implosion. Seine Formen sind serielle Kraftgebilde eines einsam mit sich Ringenden und laden zum Vergleichen ein: Sie sind wie anabolisierte Bodybuilder kurz vor dem Platzen oder wie Metamorphosen erwachender Aliens. Nitsches Novum besteht in der Suggestion eines druckvollen zeitlichen Moments, einer bildgewordenen Aggression. Wenn plötzlich die Leinwand risse und darunter ein Medusenhaupt erschiene, würde es niemanden überraschen (11000–22000 Euro).

Dagegen sieht die Ölmalerei des Leipzigers Uwe Kowski bei Eigen + Art (Auguststraße 26, bis 28. Februar) wie eine Suchbewegung in Idyllen aus. Auch seine Bilder kommen aus der Zeichnung, setzen auf Kontrapunkt und Suggestion. Doch tragen sie den Blick in die lieblichen Weiten des Bildraums und besänftigen alle Widerwärtigkeiten der Welt. Während man sich in Kowskis Kompositionen weltvergessen hineinträumen kann, zischt einen bei Nitsche die Gegenwart an (8000–11000 Euro).

Bereits gestern eröffnete der Kanadier Ed Pien mit beeindruckend großformatigen Zeichnungen bei Prüss & Ochs (Sophienstraße 18, bis 22. Februar). Man sieht die Notate von Höllenkreisen, Alpträumen, ebenso fantastischen wie grausamen Figurationen: wie übereinander gestapelte, nackte Kinder im Gebüsch. Doch die ornamentalen Stilisierungen von Wald und Bäumen um die Figuren herum erzeugen einen anhaltenden Bruch. Er verhindert glimpflich, dass man die Szenen ausgemalt vor sich sieht. Der Künstler lässt offen, ob sie allein seiner Gedankenwelt entspringen und belässt es bei Andeutungen.

Geräusche, Wortfetzen und Töne bilden das atmosphärische Basismaterial der 1970 in Paris geborenen Eléonore de Montesquiou bei Juliane Wellerdieck (Torstraße 159, bis 21. Februar). Den akustischen Raum aus assoziationsreichen Anspielungen ergänzt sie mit Fotografien und einem Video. Eine Stimme spricht endlos wie bei Beckett: „Alles verschwunden. So wie man verschwinden wird. Ich kann mich noch erinnern. Es nützt nichts.“ Immer weiter. Loops enden nicht (1300 Euro).

Rundgang in Berlin-Mitte heute zwischen 17 und 21 Uhr.

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