Kultur : Geile Zeit

Christian Schröder freut sich auf präsidialen Pop

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Rock’n’Roll, das war früher einmal eine Sache, mit der Kinder ihre Eltern erschrecken konnten. Heranwachsende, die vor zwanzig Jahren ihr Taschengeld sparten, um eine Sex-Pistols-, Fehlfarben- oder Motörhead-Platte zu erwerben, mussten noch mit erzieherischen Sanktionen rechnen. Kaum hatte sich die Tonkopfnadel des zur Erstkommunion von der Großmutter geschenkten Dual-Plattenspielers in die Vinylrille gesenkt, kaum hatte Johnny Rotten zu skandieren begonnen: „God save the Queen, her Fascist Regime“, bzw. Peter Hein: „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt / Den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“, bzw. Lemmy: „Motörhead, you can call me Motörhead“, da wurde auch schon die Tür des Jugendzimmers aufgerissen und es erschien ein erregter Erwachsener, der in einer den Furor von Rotten bzw. Hein bzw. Lemmy noch übertreffenden Lautstärke verlangte: „Dreh sofort den Krach leiser!“

Damals hörten Eltern ausschließlich Klassik oder Schlager, allenfalls mal Miles Davis oder die Beatles. Heute sind Eltern zwangsdauerjugendliche Jeans-und-

Lederjackenträger, die Teile ihres Einkommens in Sex-Pistols-Gesamtausgaben investieren. Der Krach ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Eine Entwicklung, auf die „Jugend musiziert“ vorbildlich reagiert. Nicht nur dass die Fachjurys jetzt in Berlin in der Sparte „Populäre Musik“ Solowertungen in den Kategorien „E-Gitarre“, „E-Bass“, „Drums“ und „Vocal“ vornahmen, zum ersten Mal in der 43-jährigen Geschichte des ehrwürdigen Wettbewerbs fand dort auch „DJing“ statt. Darauf läuft die abendländische Musikgeschichte schließlich hinaus: Auflegen als Kunstform. Die beiden DJs unter den 466 Teilnehmern erreichten 23 und 19 von 25 möglichen Punkten.

Wenn man sich Deutschland als Familie vorstellt, dann ist Horst Köhler der oberste Erziehungsberechtigte. Heute verwandelt sich sein Amtssitz in ein gigantisches Jugendzimmer, der Bundespräsident lädt ein zu „Bellevue unplugged“: Rock’n’Roll zur Wiedereröffnung des frisch durchsanierten Schlosses, allerdings nur unverstärkt. Es spielen der Singer/Songwriter Stefan Stoppok (Hamburg) sowie die Bands Mariannenplatz (Berlin), Keimzeit (Potsdam) und, als Headliner, Juli (Gießen). Deren größter Hit heißt „Geile Zeit“, eine gitarrenumtoste Erinnerung an die Zeit des Großundstarkwerdens. Der Präsident wird vor der Bühne stehen und rufen: lauter!

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