Kultur : Geist und Ungeist

Eine Berliner Ausstellung zeigt das Schicksal konvertierter Juden während der NS-Zeit

Gerrit Bartels

Es waren deutliche Worte, die der Pfarrer der Kreuzberger Thomaskirche, Willy Oelsner, am 14. Januar 1934 in seiner Predigt sprach, auch in eigener Sache: „Wenn wir die Irrlehre, die sich noch immer an maßgeblicher Stelle breitmacht, bei ihrem Namen nennen, wenn wir den Missbrauch der geistlichen Gewalt, den Einbruch kirchenfremder, ja unchristlicher Gedanken geißeln, dann droht uns nach den Gesetzen des letzten Kirchenregiments Strafe. Die Behandlung dieser ungeistlichen Vorgänge und Zustände in unserer Kirche wird als Kirchenpolitik mit Entfernung aus dem Amt geahndet.“

Tatsächlich widerfuhr Oelsner ein paar Tage später genau das, was er angeprangert hatte: die Amtsenthebung. Er wurde vom Pfarrdienst suspendiert.

Willy Oelsner hatte sich auch in den Monaten zuvor schon in seinen Predigten kritisch mit der neuen Kirchenpolitik nach der Machtübernahme der Nazis auseinandergesetzt. Nachdem die Generalsynode der Altpreußischen Kirche beschloss, den Arierparagrafen auch auf die Institutionen der evangelischen Kirche anzuwenden, woraufhin die Pastoren Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller den Pfarrernotbund und die Bekennende Kirche gründeten, schloss Oelsner sich dieser oppositionellen Organisation an.

Ein knappes Jahr nach seiner Suspendierung wurde der Berliner Pfarrer aufgrund zahlreicher Bittbriefe und Proteste aus der Gemeinde in sein Amt zurückversetzt. Doch Oelsner nahm, wiewohl geschickt lavierend und als Weltkriegsveteran seine Liebe zum Vaterland betonend, weiterhin kein Blatt vor den Mund und musste Anfang Januar 1939 Deutschland in Richtung England verlassen. Das aber nicht nur wegen seiner Widerständigkeit. Oelsner, 1897 im damals noch russischen Lódz geboren, stammte aus einer jüdischen Familie und galt trotz seiner Konvertierung zum Christentum, trotz Taufe, Konfirmation, Theologiestudium und seiner ersten christlichen Pfarrtätigkeit 1926 im brandenburgischen Großschmölln als „Mischling ersten Grades“, also als „Volljude“.

Sein Leben und Wirken ist der Ausgangspunkt einer Ausstellung mit dem Titel „Getauft. Verstoßen. Deportiert“ in der Segenskirche in Prenzlauer Berg und der St. Thomaskirche am Mariannenplatz, Oelsners einstiger Wirkungsstätte. Die Ausstellung erzählt vom Schicksal vieler Christen mit jüdischer Herkunft vor und während der Nazizeit. 1939 gab es laut einer Volkszählung rund 20 000 jüdischstämmige Christen, wobei die Beweggründe fürs Konvertieren vielfältiger Natur waren. Willy Oelsner etwa sah sich und viele seiner Verwandten vollständig assimiliert und glaubte die jüdische Herkunft hinter sich gelassen zu haben. Zur Zeit der Naziherrschaft war die Taufe auch eine Möglichkeit, der Deportation zu entgehen. Als Wanderer zwischen den Konfessionen standen sie aber vor dem Problem, dass weder die Kirche, zu der sie gehörten, ihnen Schutz bot, noch die jüdische Gemeinde sie wirkungsvoll unterstützen konnte.

Immer wieder stößt man in der Ausstellung auf Biografien, an deren Ende die Konzentrationslager Theresienstadt, Sachsenhausen oder Auschwitz stehen. So die der 1869 geborenen Frieda Neuber, die jahrelang versuchte, Berlin zu verlassen. Das dokumentiert ein Briefwechsel, den sie drei Jahre lang mit dem amerikanischen Jurastudenten Bob Kunzig führte – sie hatte ihn bei einem Aufenthalt in den zwanziger Jahren in Philadelphia kennengelernt. Kunzig besorgte ihr eine Schiffspassage, legte ihr immer wieder nahe, beim amerikanischen Konsulat vorzusprechen. Vergebens: Frieda Neuber und zwei ihrer Geschwister, deren nichtjüdische Lebenspartner verstorben waren, weshalb der Schutz einer „Mischehe“ verloren ging, wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert und starben dort.

Den Briefwechsel hat Neubers Nichte, die heute 88-jährige Gerda Maison aufbewahrt. Sie übergab ihn dem Jüdischen Museum, und wie viele andere Dokumente über die Schicksale getaufter Juden sind sie nun in der Ausstellung zu sehen, neben Fotos, offiziellen Schreiben, Bekanntmachungen, Alltagsgegenständen und NS-Brandbriefen.

Willy Oelsner hatte vergleichsweise noch Glück. In England kam er zwar in ein Internierungslager, er war ein sogenannter „enemy alien“, auch ein theologisches Examen musste er noch einmal ablegen. Er konnte dann aber bis zu seinem Tod 1983 als Pfarrer in Großbritannien wirken. In Berlin ist er viermal zu Besuch gewesen.

Bis 3. 1. in der Segenskirche, Schönhauser Allee 161, Mi – Fr 15.30 – 17.30 Uhr, (außer 24., 26. u. 31. 12), Sa 14 – 17 Uhr (außer 27. 12.). Ab 5. 1. in der St. Thomas Kirche, 11 – 17 Uhr, Mariannenplatz

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