Kultur : Geisterbeschwörung

Martin Wilkening

Was verbindet Musik und Welt? Was nimmt eine Komposition an Welterkenntnis in sich auf? Was geht beim Transformationsprozess von Leben in Musik im Komponisten vor? Das sind Fragen, die ebenso zu plattesten wie zu subtilsten Gedanken führen können, und oft liegt beides ganz nah beieinander. Dabei ließ sich mit Zahlen in der Musik seit jeher trefflich spekulieren.

Für einen Komponisten wie Johann Sebastian Bach, in dessen Familiennamen schon eine musikalische Konfiguration eingeschrieben ist, war das mittelalterliche spekulative Zahlendenken tatsächlich noch lebendig. Welche Tragweite das im konkreten Fall für den Gehalt eines Werkes besitzt, bleibt freilich umstritten. In den letzten Jahren hat die Geigerin Helga Thoene in mehreren Veröffentlichungen versucht, dem Geheimnis von Bachs Solowerken für Violine auf die Spur zu kommen. Grundlage ihrer Arbeit bietet der Nachweis von versteckten Choralzitaten, die wie Spolien, fremde Bruchstücke, überall in die Architektur der Stücke eingesetzt sind. Daraus ergibt sich für die drei Solosonaten ein theologisches Programm, das auf Weihnachten, Ostern und Pfingsten bezogen wird. Die d-moll-Sonate mit der berühmten Chaconne ist demnach das Osterstück, eine Todesmusik und mehr noch: ein Grabstein, in den Bach mittels Zahlenchiffren auch den Namen seiner verstorbenen Frau eingraviert haben soll.

Es geschieht höchst selten, dass eine musikwissenschaftliche Arbeit so unmittelbar die künstlerische Phantasie anregt, wie bei der CD, die der Geiger Christoph Poppen und das Hilliard Ensemble jetzt bei ECM vorgelegt haben. Die Analysen münden in ein klingendes memento mori. So antwortet der klösterlich gemessene, in der Intonation unbestechliche Gesang mit seinen Chorälen auf das hochexpresssive, besonders in den Akkordbrechungen ganz unschematische Spiel Poppens auf der Barockvioline: Wie der Totenschädel in der Kapuzinerpredigt schaut hier eine nackte musikalische Kreuzesformel zwischen den Sätzen und Chorälen durch die Musik hindurch. Was zunächst im braven Wechsel vor sich geht, verdichtet sich in einer zweiten Version der Chaconne zur musikalischen Geisterbeschwörung. Die vier Stimmen blenden ihre Choralfragmente wie aus dem Jenseits in das Violinspiel ein, ungerührt von dessen Anstrengungen und Erregungen, und dabei stets so präzise, dass es klingt wie im meditativ verhallten sound übereinandergemischt. Die spirituelle Kraft Bachscher Musik vermag dieses Experiment wohl nicht zu erhöhen, aber es öffnet die Ohren für die unerhörte Mehrdimensionalität solchen musikalischen Denkens - so dass man auch das geschlossene Werk danach anders hört.

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