Kultur : Geistesfeuer

Berliner Gedenkmatinee zur Bücherverbrennung

Die jüngste Bücherverbrennung, bei der die Tagebücher der Anne Frank zusammen mit einer US-Flagge den Flammen übergeben wurden, ereignete sich am 24. Juni 2006 in Pretzien, einem Dorf bei Magdeburg. In Anwesenheit des dortigen Bürgermeisters, der erst nachher erfahren haben will, dass der mittlerweile aufgelöste „Heimat Bund Ostelbien“ ein Sonnwendfeuer zur politischen Provokation umfunktionierte, sahen 70 Zuschauer sieben jungen Männern ungerührt dabei zu. In einer mit dem Börsenverein, dem PEN und dem Verband Deutscher Schriftsteller organisierten Matinee der Akademie der Künste zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung auf dem damaligen Berliner Opernplatz erinnerten gestern zwei Schüler der Maxim-Gorki-Schule aus dem Pretzien benachbarten Schönebeck an diesen Vorfall. Sie waren nicht die Einzigen, die auf das vor allem im Osten Deutschlands lebendige nationalsozialistische Denken hinwiesen. Schüler der Dathe-Oberschule aus Berlin-Friedrichshain verlasen eine Liste rechtsradikal geprägter, rassistischer Übergriffe der letzten Zeit.

In diesem Kontext war es für Bundespräsident Horst Köhler leicht, eine „für die Gegenwart fruchtbar gemachte Erinnerung“ hochzuhalten und auf den kleinen „Schritt von der Ausgrenzung der Juden zur Verbrennung ihrer Bücher“ hinzuweisen, dem „abermals ein kleiner Schritt von der Verbrennung der Bücher zur Verbrennung der Menschen“ folgte. Der aktuelle Brückenschlag seiner Walter Jens, Peter Suhrkamp und Joseph Roth zitierenden Rede hatte eher rituellen Charakter und mündete in die Beschwörung: „Bücher sind die geistigen Lebensmittel schlechthin.“

Aufschlussreicher waren die Dokumente: der von Jutta Wachowiak gesprochene „Bericht einer Augenzeugin an Arnold Zweig“ (1933), Erich Kästners von Herta Müller gelesene Mahnung, der Mut eines Menschen beweise sich erst im Augenblick der Entscheidung, und der von Günter Lamprecht vorgetragene berühmte Aufruf „Verbrennt mich!“ von Oskar Maria Graf. Die Nazis führten fast alle Bücher des bayerischen Anarchisten auf ihrer „weißen Liste“. „Diese Unehre habe ich nicht verdient!“, schmetterte Graf ihnen entgegen. dotz

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