Kultur : Gelb

Trauma der Vertreibung: „Yan Mo“ – Doku aus China

Hans-Jörg Rother

Die Gesichtszüge des alten Mannes versteinern. Er hat im Koreakrieg gekämpft und wird respektiert. Aber Entschädigung für sein Haus in Fengjie bekommt er nicht. Die Ehre mag das eine sein, das Gesetz ist das andere.

Es gibt nicht viele solcher fast metaphorischen Momente in dem Dokumentarfilm „Yan Mo“ (Vor der Flut): Fengjie ist eine zum Abriss freigegebene Stadt. Die Heimat von 50 000 Bewohnern wird in einem riesigen Stausee versinken, und der Abschied von ihr gestaltet sich äußerst unideologisch. Keine roten Fahnen, keine Losungen: Das ökonomische Denken regiert. Nicht einmal die Funktionäre verströmen Begeisterung – wie sollten sie auch, da ihnen die Leute mit ihren Klagen in den Ohren liegen. 80 Quadratmeter stehen jeder Familie in einem Plattenbau im neuen Fengjie zu.

Zu Beginn des Films, den die Regisseure Yan Lu und Li Yifan nach Jahren beim Fernsehen mit eigenem Dokumentarfilmstudio realisierten, stürmen viele Männer auf ein Schiff. Dann schleppen sie keuchend Lasten das Ufer hoch zu Läden und Garküchen. Die niedrigen Häuser wirken verfallen, doch die Menschen klammern sich an ihren Besitz. Manche werden hier noch wohnen, wenn schon Strom und Wasser abgestellt sind und die Abrisskommandos täglich näher rücken. Doch Fengjie muss fallen – so wie Hunderte anderer Städte: Millionen von Menschen werden durch das größte Staudammprojekt der Welt in die Umsiedlung gezwungen.

„Die chinesische Regierung verfährt mit dem Volk nicht anders als mit den wegzuschaufelnden Landmassen“, heißt es im Presseheft, das Peking „zentralistische Planungswut“ vorwirft. Der Film rechtfertigt die Behauptung so eindeutig nicht. Er wirft allerdings einen unbestechlichen Blick auf die Kehrseite des energiepolitischen Großprojekts. Und lässt am Kummer derer teilhaben, die nie zu den Gewinnern des chinesischen Wirtschaftswunders zählen werden. Fengjie galt einmal als „Stadt der Poesie“. Nur wenn die Kamera über den träge dahinfließenden Gelben Fluss schwenkt, scheint davon eine Ahnung aufzukommen. Seit 2002 ist das alte Fengjie in der Flut verschwunden.

Filmkunst 66 (OmU)

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