Kultur : Geld oder Leben

Schrilles Requiem: Tony Scotts Film „Domino“

Christian Schröder

Als Kind reicher und berühmter Eltern aufzuwachsen, kann einen in den Wahnsinn treiben. Domino Harvey, Tochter des britischen Schauspielers Laurence Harvey und der Vogue-Cover-Schönheit Pauline Stone, brach ihre Model-Karriere ab, um Kopfgeldjägerin zu werden. Nichts machte sie so glücklich wie die Möglichkeit, mit einer Schrotflinte in der Hand Türen einzutreten. Wenn sie ihre Gewaltfantasie auslebte, verstummten die Stimmen in ihrem Kopf. Am 27. Juni 2005 fand man Domino Harvey tot in der Badewanne ihres Apartments in West Hollywood. Todesursache: Ertrinken nach einer Überdosis Rauschgift. Sie wurde 35 Jahre alt.

„Domino“ heißt der Spielfilm, den Tony Scott der Revolverblatt-Berühmtheit gewidmet hat: ein schrilles Requiem. Der Regisseur kannte Harvey seit vielen Jahren, sie hat als Drehbuch-Beraterin an dem Projekt mitgewirkt. Tony Scott sind zwar Kassenerfolge wie „Top Gun“ und „Staatsfeind Nr. 1“ geglückt, künstlerisch stand er aber immer im Schatten seines berühmteren Bruders Ridley Scott. Mit „Domino“ will er beweisen, dass er mehr ist als ein Action-Handwerker. Eine Ambition, die dem Film in jeder Einstellung anzusehen ist. Die Kamera blickt in den steilsten Unter- und Aufsichten auf ein Geschehen, das sich in überbelichteten Bildern und ausgewaschenen Farben austobt. Die hohe Schnittfrequenz erinnert an die Rasanz früher Musikvideos. „Domino“ treibt den Tarantinoismus auf die Spitze.

Domino, das ist Keira Knightley. Die britische Schauspielerin („Fluch der Karibik“, „Stolz und Vorurteil“) spricht ihre Slang-Kraftausdrücke wie Aperçus und schiebt trotzig die Unterlippe vor. Die Eiseskälte einer Killerin nimmt man ihr allerdings keinen Augenblick ab. Das liegt vor allem am Drehbuch, das sein Personal zu Comicfiguren degradiert. Kopfgeldjäger hat man sich demnach als harte Typen vorzustellen, die sich wie ein Männergesangsverein organisieren. Domino wird durch eine Zeitungsannonce auf ihren Traumjob aufmerksam. Bald darauf wählt man sie schon zur „Kopfgeldjägerin des Jahres“. Im Anführer der Truppe, von Mickey Rourke als tätowiertes Muskelpaket gespielt, findet sie einen Ersatzvater.

„Wer einmal einen Menschen gejagt hat, will nie wieder ein Tier jagen“, knarzt er mit Whiskystimme. In weiteren Rollen werden Christopher Walken, Jacqueline Bisset, Lucy Liu und Tom Waits aufgeboten. Doch statt ernst zu machen, begnügt sich Tony Scott mit blutigem Spaß.

In Berlin in neun Kinozentren; Originalversion im Cinestar Sony-Center

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