Kultur : "Geliebte Aphrodite": Zeus ist nicht zu Hause

Günther Grack

Zeus ist auch nicht mehr, was er einmal war. Ein Versuch des griechischen Chores, den allgegenwärtigen Göttervater auf seinem Olymp um Hilfe anzurufen, geht ins Leere. Zeus hebt nicht ab, es schaltet sich lediglich sein Anrufbeantworter ein: "Ich bin im Augenblick nicht zu Hause, aber Sie können mir eine Nachricht hinterlassen. Ich rufe zurück ..." Eine Zusage, auf die bekanntlich kein Verlass ist. Was also tun, fragt sich der Chor, um seinem Schützling, dem New Yorker Sportreporter Lenny Weinrib, aus der Patsche zu helfen? Aus der Zwickmühle, in die er geraten ist - zwischen Amanda, seiner Frau, und Linda, einer Nutte? Und alles nur in bester Absicht, nämlich eines kleinen Jungen wegen?

Zu der aktuellen Genom-Debatte um die These "Der Mensch ist entziffert" hat Woody Allen in vorauseilendem Eifer schon vor sechs Jahren einen Beitrag geleistet: mit seinem Film "Geliebte Aphrodite". Der Held dieser Komödie, jener Lenny Weinrib, naturgemäß vom Filmemacher selbst gespielt, ist zwar davon überzeugt, über "preiswürdige Gene" zu verfügen, hat sich jedoch von seiner Frau, einer ehrgeizigen, von ihrem Beruf ganz in Anspruch genommenen Galeristin, überreden lassen, anstatt selber ein Kind zu machen lieber eines zu adoptieren. Und siehe da, der kleine Max erweist sich, kaum dem Säuglingsalter entwachsen und zu einem Dreikäsehoch herangereift, schon als ungemein begabter Knabe. Woher mag er das nur haben? Die Wissbegier lässt Lenny nach den Eltern fahnden und zu der Erkenntnis gelangen, dass Mäxleins Mutter eine Hure ist, die nicht weiß, wer Mäxleins Vater ist - bei irgendeinem ihrer Freier muss das Kondom geplatzt sein. So treu Lenny zu seiner Amanda hält, ihren Zicken zum Trotz, so liebenswert auf ihre naive Art ist doch auch Linda ... Mag Vater Zeus nicht erreichbar sein, die Göttin Aphrodite zeigt ihre Macht noch in der letzten Liebesdienerin.

Die ironische Eleganz, mit der Woody Allen, hin und her zwischen Manhattan und einem mediterranen Amphitheater, seiner "Mighty Aphrodite" huldigt, ist vom Film auf die Bühne schwerlich zu übertragen. Jürgen Fischers Adaption des Drehbuches zwingt Lenny Weinrib und die maskierten Mannen des antiken Chores auf ein und dieselben Bretter, zuweilen mit burlesker Wirkung, des öfteren allerdings mit klamottigem Effekt. Die Aufführung der Berliner Tribüne (Regie: Rainer Behrend, Ausstattung: Olga Lunow und Waltraut Mau) artet mitunter, etwa wenn auch noch Helden und Heldinnen der griechischen Tragödie wie Ödipus oder Kassandra ihr Zetergeschrei erschallen lassen, in grellen Mummenschanz aus, sie begnügt sich in ihren besseren Momenten mit kräftig karikierendem Strich - ein schrecklich grober Zuhälter, ein blöder, aber lieber junger Boxer -, und sie erlaubt sich einmal, die Welt der Galeristin Amanda (Susanne Schwab) betreffend, einen satirisch parodierenden Seitenblick auf Yasmina Rezas "Kunst"-Komödie: "Gelb ist Scheiße" lautet da das barsche Urteil über eine monochrome Leinwand.

Die Publikumssympathien freilich gewinnt die Inszenierung nicht zuletzt mit einer passablen Besetzung der beiden Hauptrollen. Rainer Reiners gibt sich als Lenny à la Woody hübsch verhuscht, nett nervös, und Susanne Evers bringt als Linda auch noch die zotigsten Sprüche unschuldig wie ein Lamm über die Lippen; gegenüber der anonymen deutschen Synchronstimme ihrer amerikanischen Kollegin Mira Sorvino hat sie obendrein einen hoch einzuschätzenden Vorzug: dass sie zwar piepsig klingt, aber nicht so quälend penetrant.

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