Kultur : Geliebte Kanaille

Janaceks „Schlaues Füchslein“ in der Komischen Oper Berlin

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Schalk im Nacken. Im Tierkostüm steckt die Sopranistin Brigitte Geller, die hier dem Schulmeister (Andreas Conrad) mächtig zusetzt. Foto: Bresadola/Drama
Schalk im Nacken. Im Tierkostüm steckt die Sopranistin Brigitte Geller, die hier dem Schulmeister (Andreas Conrad) mächtig...Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Das Füchslein politisiert, verliebt sich, macht Hochzeit und wird erschossen. Man nehme die Oper nicht zu leicht, nur weil der Titel „Das schlaue Füchslein“ Kinderstube suggeriert. Schon hier spricht in Wahrheit der liebende Musiker Leos Janacek, für den „in jeder Kreatur ein Funke Gottes“ existiert. Aus der Novelle von Rudolf Tésnohlídek ist ein szenisches Bilderbuch geworden, so märchenhaft und realistisch zugleich, dass eine Ambivalenz besteht, die keinen sensiblen Naturfreund verfehlen kann: Als Naturwesen sind die Tiere Menschen, Personifizierungen menschlicher Eigenschaften. Der Dachs ist auch der Pfarrer, gespielt von demselben Darsteller. Das gewitzte, diebische Füchslein aber wird für den Förster, der es fängt, zur geliebten Kanaille.

Hier auf der menschlichen Ebene setzt die Inszenierung von Andreas Homoki an, seine letzte als Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin. Zugegeben, dass der Zuschauer zunächst um Orientierung ringt. Denn ihn überfällt ein Gewimmel von feiernden Menschen und Tieren, Internatstöchtern und überdimensionierten Maskenköpfen, die auf das Tierleben verweisen. Ist man im richtigen Stück?

Jedenfalls befinden wir uns anfangs nicht im Wald, wo gemäß dem Libretto des Komponisten Dachs, Libellen, Grillen, Frosch und Heuschrecke wohnen, sondern sogleich im dörflichen Wirtshaus. Das hat der Bühnenbildner Christian Schmidt auf der Drehscheibe mit kargen Räumen, ländlichen Holzstühlen und einem magischen Fenster zum Wald ausgestattet, und die Zeit geht über die Szene hin, zwischen verstaubter Zivilisation und wuchernder Natur. Eine Sonnenblume, die ins Zimmer gedrungen ist, wächst und wächst. Aus dem Konzept versteht sich, dass die Füchsin – nicht wie früher Füchslein Schlaukopf genannt, sondern Füchsin Spitzohr in der Textfassung von Werner Hintze – ein Menschenmädchen ist.

Ein Mädchen, das den Förster küsst und sich für seine wilden Streiche einer Fuchsmaske bedient. Damit vertieft Homoki die geheimnisvolle Verbindung zwischen Mensch und Tier, Förster und Füchsin, die immanent im Werk steht. Im Gasthaus wird die Füchsin vom Dorfgesindel bedrängt, sitzen Pfarrer und Schulmeister mit ihren Sorgen und Liebesnöten am Stammtisch. Homoki gibt dabei die Atmosphäre der Waldlandschaft, Nachmittagssonne im Schwarzgrund, weitgehend auf. Der Dorfgasthof steht am Wald.

Janacek hat sich im Alter noch einmal verliebt, und das Füchslein mag das Porträt der jungen Kamila Stösslova in sich tragen. Aus den zarten Banden zwischen dem Förster und der Füchsin, von deren Augen er schwärmt, in Erinnerung an eine verlorene Geliebte, macht die Inszenierung ein Stück „Vor Sonnenuntergang“. Der Förster beginnt die Füchsin zu belauschen, wenn sie sich mit ihrem jungen Fuchs trifft. Dass diese beiden Verliebten nun keine Füchse mehr sind, sondern ein durchschnittliches junges Menschenpaar, ist eine Schwäche, die der Oper poetische Momente raubt. Eben das Waldweben.

Der Förster aber, und das lässt sich aus der Partitur hören, kann sein Füchslein nicht vergessen. „Meistersinger“-Regisseur Homoki erinnert mit der Figur des alternden Waidmannes an die Rolle eines zärtlichen Hans Sachs. Und die endet hier böse, denn der Förster hält das tote Mädchen im Arm, das ein Landstreicher erschossen hat. Aber das Leben geht weiter, es kann also nicht um eine simple Tieroper gehen, da ihr Thema auch die Selbsterneuerung der Schöpfung ist.

Diesen Wilderer Harasta singt Carsten Sabrowski mit vorbildlicher Textdeutlichkeit, an der es im Übrigen mangelt. Im prägnanten Konversationston jedoch sind die Darsteller heimisch – wie Brigitte Geller als flinke Titelfigur, Karolina Gumos als Fuchs mit angeklebtem Schnurrbart, Jens Larsen als charaktervoller Förster, Andreas Conrad als geplagter Schulmeister, Frank van Hove als Pfarrer mit seinen wohltönenden Auslassungen, und das große Ensemble, darin Caren van Oijen, Katarina Morfa, Ariana Strahl und viele andere. Die Chorsolisten der Komischen spielen und singen mit viel Einsatz als Machomänner und Tiere und Schülerinnen, denen die Fantasie des Maskenkünstlers Christian Schmidt malerische Hennen- und Fuchskinderköpfe aufgesetzt hat.

Unruhe, flüchtiges Wesen der Gestalten, kürzeste Motive in der Wiederholung: So hämmert sich diese skizzenhafte Musik ein, die aus realen Sprechmelodien erwachen ist, wie Janacek sie aus der Realität aufgezeichnet hat. Und so verwaltet Dirigent Alexander Vedernikov mit dem flexiblen Orchester der Komischen Oper verantwortlich die Partitur. Klangmaterial, der Natur abgelauscht, überwältigend in seiner komponierten Wesenswahrheit. Trauer ist darin nicht allein über Füchsleins Tod. Zugleich aber auch ein Hymnus auf das sich erneuernde Leben und die Liebe.

Surreales Theater im Realen. „Die Füchsin hat die Gestalt eines Zigeunermädchens angenommen“: So steht es als Regieanweisung im Libretto. Und so stellt die Komische Oper ihr Traumbild dar: verrätselt, wie Träume sind, verwirrend und doch anheimelnd.

Weitere Aufführungen am 7., 11., 15. und 23. Oktober, im November und Dezember

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