Kultur : Gemeinsam sind wir unzertrennlich Christo und Jeanne-Claude zum 70.

Christina Tilmann

Der Mann ist ein Paradox: einer der bekanntesten Künstler und kriegt in der Öffentlichkeit kaum den Mund auf. Ein genialer Selbstvermarkter, doch den Vorwurf der Kommerzialisierung weist er von sich. Spektakuläre Kunstwerke gehen auf sein Konto, doch geblieben sind davon nur Entwürfe, Fotografien und der Ruf eines „Verpackungskünstlers“. Entgegen der Kurzlebigkeit seiner Aktionen ist er ein langfristiger Planer. Das Phänomen Christo: Über zwanzig Jahre konnte die Öffentlichkeit einem Künstler bei der Erschaffung eines Selbstbilds zusehen.

Fangen wir mit dem ersten Paradox an: „Christo nie ohne Jeanne-Claude“ ist seit 1994 das Dekret bei allen Gesprächen und Auftritten. Das bulgarisch-französische, grau-rotschopfige Künstlerduo ist nicht nur am gleichen Tag, heute vor 70 Jahren, geboren, es legt vor allem Wert auf die Feststellung, alle Werke entstünden gemeinsam. Eine jeweils eigene Handschrift, eine Aufgabenverteilung auf Kunst, Management und Kommunikation lehnen sie ab. Gelebte Gleichberechtigung in Ehren, doch das mantrahafte Beharren auf „Christo und Jeanne-Claude“ kann auch nerven. Künstlerische Kooperationen zwischen Mann und Frau hat es häufig gegeben, von Brecht bis Fassbinder. Geblieben ist zumeist der Ruhm des Mannes. So auch hier: Die Arbeit mag anteilig laufen, das Markenzeichen lautet immer noch – Christo.

Und es lässt sich gut vermarkten. Entwürfe und Fotografien des verhüllten Reichstags, des Pont-Neuf in Paris, der Sonnenschirme auf den Feldern von Japan und Kalifornien und natürlich der „Gates“ aus dem Central Park in New York schmücken Arztpraxen, Büros, Wohnzimmer überall auf der Welt. Mit ihren Werken haben Christo und Jeanne-Claude auch jene Menschen erreicht, die sonst für zeitgenössische Kunst nicht viel übrig haben. Zugleich achtet das Paar eifersüchtig darauf, dass nur die Fotos ihres Vertragsfotografen verkauft werden, führt deshalb sogar Prozesse. Rechnet man die Fülle des Outputs zusammen, Christo müsste an seinen Projekten ein reicher Mann geworden sein. Ist er aber nicht, denn jeder verdiente Cent geht in die Finanzierung seiner Pläne. Christo und Jeanne-Claude sind stolz, alle Projekte – bei „The Gates“ in New York waren es 20 Millionen Dollar – ohne öffentliche Unterstützung verwirklicht zu haben.

Marke und Vermarktung, Kunst jenseits des Kunstkontexts: Das hat Christo zuweilen den Ruf des Scharlatans eingebracht. Womit nur boshaft umschrieben ist, dass seinen Werken etwas tatsächlich Magisches anhaftet: Ein wilhelminisches Gebäude wird zur schimmernden Skulptur, eine vermüllte Pazifikinsel verwandelt sich zur bunten Seerose, und ein winternasser Park wird zum herzwärmenden Erlebnisraum. Was im Auftritt Berechnung sein mag, ist für Millionen von Besuchern meist: ein Wunder. Christo und Jeanne-Claude sei dazu heute herzlich gratuliert.

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