Kultur : Genie der Intimität

Eine außergewöhnliche Rembrandt-Ausstellung in München zeigt, wie groß das Kleine sein kann

Eva Karcher

Kleinod ist ein Wort aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, als „das od“, der Besitz der Miniatur noch hoch geschätzt wurde. Einer Zeit, die fast ausschließlich abhängig war vom Tempo der Körper und Hände, einer Zeit der Langsamkeit und des Kerzenlichts. Im Widerschein von brennendem Wachs hat auch Rembrandt Harmensz van Rijn gearbeitet, und neben zahlreichen monumentalen Auftragsgemälden schuf der berühmteste Künstler Hollands, geboren 1606 in Leiden, gestorben 1669 in Amsterdam, zahlreiche kleinformatige Gemälde, Zeichnungen und vor allem Radierungen, die ihn auch als ein Genie der Intimität ausweisen. Nur 16 mal 21 Zentimeter misst das 1646, auf der Höhe seines Ruhms entstandene Gemälde „Abraham und die Engel“.

Nun ist es atemberaubender Mittelpunkt einer Ausstellung, für die der Münchner Kunsthändler Konrad A. Bernheimer mehrere Dutzend Radierungen und einige Zeichnungen des Niederländers sowie Gemälde von mehreren seiner prominentesten Schüler zusammentrug. Fast alle Werke sind verkäuflich, sie stammen von europäischen und amerikanischen Händlern, die mit dem Altmeisterspezialisten verbunden sind.

Die überwiegend für die Nahsicht komponierten Schätze werden wie Diamanten in einem geheimnisvoll abgedunkelten Tresor präsentiert. Ganz am Ende der Raumflucht schimmert wie eine Reliquie in einem Glasschrein das winzige Holztableau. Wie materialisiertes Licht wirkt der überirdisch gleißende Engel, den der greise Abraham und zwei andere Himmelsboten umringen, während Abrahams Frau Sara im Hintergrund steht und so die Botschaft mithört, sie werde ein Kind gebären. Rembrandt stellt die Szene dar als eine Art allgemein gültige Allegorie des Lichts in der Finsternis, der Verheißung inmitten des Elends, ein auf begrenztem Raum in höchst virtuosen Helldunkelabstufungen gemaltes Drama der Offenbarung.

Der Preis in zweistelliger Millionenhöhe entspricht der Rarität des Angebots. „Von einem Rembrandt-Markt kann man aber nicht sprechen“, meint Bernheimer, „dazu tauchen Arbeiten zu selten im Handel auf“. Umso interessanter sind deshalb die, auch aufgrund des Dollarkurses, zum Teil vergleichsweise erstaunlich günstigen Preise für so seltene, durchwegs in exzellentem Zustand erhaltenen Radierungen wie den 1659 entstandenen Akt „Jupiter und Antiope“. 285000 Euro kostet die vor Erotik knisternde Miniatur, für die sich Rembrandt kompositorisch raffiniert auf Carracci, Correggio und Tizian bezog und Techniken von Radierung, Kupferstich und Kaltnadel mixte.

Neben weiteren Radierungen, so zwei hinreißenden Selbstbildnissen und der Landschaft „Die Windmühle“ (150000 Euro) bietet Bernheimer eine mit nur 5800 Euro bezeichnende Radierung von Rembrandts Lehrer Pieter Lastman und eine Reihe hochkarätiger Gemälde seiner Schüler an. War Ferdinand Bol, dessen Werk „Die Jungfrau Maria mit Christus, Johannes dem Täufer und einem Engel“ mit 295000 Euro ausgezeichnet ist, der im 19. Jahrhundert höchst dotierte Künstler überhaupt, einst gefragter als der Meister selbst, so gilt Salomon Konincks als sein treuester Schüler. 280000 Euro kostet dessen delikate „Susanna im Bade“. Wer diese Summen mit manchem Preis vergleicht, der derzeit auf dem immer spekulativeren Markt für Gegenwartskunst gezahlt wird, der ist geneigt, Konrad Bernheimer Recht zu geben: „Alte Meister sind die Königsdisziplin des Markts und an Werthaltigkeit nicht zu überbieten.“

Bernheimer Fine Old Masters, Brienner Straße 7, München, bis 4. Dezember.

Andere Alte Meister, u. a. auch von Konrad Bernheimer, sind noch bis Sonntag auf der Ars Nobilis im Automobil Forum Unter den Linden in Berlin zu sehen.

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