Kultur : Gentechnik und Ethik: Herausforderung für die Parteien

Stephan-Andreas Casdorff

In Deutschland warten rund 14 000 schwer kranke Menschen auf ein Organ, aber nur 4000 Organe konnten im vergangenen Jahr übertragen werden. Ein Drittel der Patienten stirbt, bevor sie ihr Spenderorgan erhalten. Ein großes Problem bei Transplantationen ist darüber hinaus, dass die Transplantate abgestoßen werden. Für komplexe Organe wie Gehirn oder Rückenmark steht kein Spendergewebe zur Verfügung. "Auf Dauer", findet deshalb die FDP, "werden wir auch in Deutschland um ein klares Ja oder Nein zur Stammzelltechnologie nicht herumkommen." Und es gehe ihr darum, bei der Embryonenforschung "nicht aus einem für das 21. Jahrhundert wichtigen Forschungsgebiet abgekoppelt" zu werden.

Über die Gefahren kein Wort

Der Antrag Nummer 92 mit seinen acht Punkten zur Gentechnik und Ethik, eingebracht auf dem Parteitag vom Bundesvorstand, ist gedacht als Herausforderung - auch der anderen Parteien. Wolfgang Gerhardt hat in seiner letzten Rede als Vorsitzender der FDP den Weg gewiesen: Die Phantasie der Konservativen sei überfordert, rief er den Delegierten zu, und der Kanzler reagiere wie gewohnt. "Er reserviert für sich einen weiteren runden Tisch und bestellt einen Ethikrat. Der muss ihm vieles sagen, was er eigentlich selber wissen sollte und den Grünen auch selbst sagen müsste."

Was Gerhardt zu wissen glaubt, sagte er in seiner Rede auch, die tatsächlich als erste eines führenden Politikers auf einem Parteikongress das Thema aufnimmt. Er erklärte sehr weitgehend, warum aus seiner Sicht Gentechnik mit ihren "Chancen mehr zum Wohl der Menschheit beiträgt als die Besetzung von gentechnischen Versuchsfeldern durch grüne Politiker". Denen wirft er "Blockierung" vor, und gegen sie will Gerhardt als FDP-Fraktionschef im Bundestag. Mit solchen Beispielen: Gentechnik bekämpfe den Hunger in der Welt, durch sie lasse sich Rapsöl als nachwachsender Rohstoff für die Energiegewinnung maßschneidern.

Mit Hilfe genetisch veränderter Pflanzen könne in Zukunft biologisch abbaubares Plastik geschaffen werden. Und gentechnisch veränderte Bakterien könnten im Kampf gegen Ölkatastrophen eingesetzt werden. Moderne Gesundheitsvorsorge sei ohne Gentechnik nicht mehr vorstellbar, und es werde eine "systematische genbasierende Medizin" entstehen, "die auf die individuellen Bedürfnisse und therapeutischen Leistungen zugeschnitten werden kann". Über die Gefahren sagte Gerhardt nichts.

Dafür aber Wolfgang Kubicki, der Kollege Gerhardts als Fraktionschef im Kieler Landtag. Die FDP in Schleswig-Holstein hat als erster Landesverband einen Parteitag zum Thema Gentechnik und Ethik abgehalten - aber ohne Beschlüsse und endgültige Forderungen, wie Kubicki in deutlicher Abgrenzung von Gerhardt sagt, weil das Thema zu kompliziert sei, um schnelle Antworten zu geben. Denn jetzt müsse erst die Diskussion über Ängste und Vorbehalte beginnen, über Chancen wie über Risiken dieser neuen Technologie, damit ein vernünftiges, rationales Verhältnis erreicht werde.

Gerhardt widerspricht solcher Skepsis. Die Nutzung der Gentechnik zu verweigern oder durch bürokratische Verfahren zu verzögern, "desillusioniert" zahlreiche Menschen, die auf Heilung hofften. Menschen, die unter Parkinson, Alzheimer oder Diabetes leiden, dürften erwarten, dass Stammzellenforschung ihnen hilft. Und diese sei bei frühen Embryonen bis zum Blastozystenstadium vertretbar - das heißt bis zum 14. Tag. "Verhütungsmittel zuzulassen, die Abtreibung innerhalb der ersten drei Monate straffrei zu stellen und Forschung bis zum Blastozystenstadium nicht zuzulassen, das hält keiner Kritik stand."

Auch die Präimplantationsdiagnostik zuzulassen und rechtlich abzusichern, sei ein "Gebot der sozialen Vernunft". Denn Paare, in deren Familien schwerste Erbkrankheiten aufgetreten seien, könnten so gesunde Kinder haben, und die Diagnostik könne einer Frau eine Abtreibung mit allen körperlichen wie psychischen Belastungen ersparen.

Ist die Gesellschaft reif?

Gerhardt geht Kubicki zu weit. Für ihn sind noch zu viele Frage unbeantwortet, die sich jedem Menschen ganz persönlich stellen. Da ist der Kieler FDP-Fraktionschef wahrscheinlich dem sozialdemokratischen Kultur-Staatsminister Julian Nida-Rümelin näher, der meint, die Gesellschaft sei noch nicht wirklich reif für grundlegende Entscheidungen in der Biotechnologie. Aber Kubicki und Gerhardt treffen sich wieder in der Gewissheit, dass es entscheidend sei, wie der Berliner Fraktionschef sagt, "die Debatte nachvollziehbar zu gestalten, die Entscheidungsgründe offen zu legen und ihren Anteil in der Kultur und Zivilisationsgeschichte des Menschen im Bewusstsein der Humanität zu beantworten".

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