Kultur : Geologie der Gesichter

Michaela Nolte

Gilt es als künstlerische Tugend, jenseits von Modernismen, Strömungen und Tendenzen einfach lustvoll Leinwand und Farbe zu huldigen, so darf man Marwan gewiss zu den Tugendhaftesten zählen. Auch die stoische Gelassenheit, mit welcher der 1934 in Damaskus geborene Maler das Porträt zum fast ausschließlichen Motiv erkor, zeigt eine seltene Konsequenz. Über Jahrzehnte hinweg dehnten und verzerrten sich die "Kopf"-Bildnisse. Ausgeweitet zu "Gesichtslandschaften" und jüngst zu Farbklippen verdichtet wurden zum unverkennbaren Markenzeichen Marwans. "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann", hat Francis Picabia einmal gesagt. Bei Marwan dreht sich das Denken nicht im Sinne einer Beschleunigung, wohl aber wechselt es in ausgiebiger Ruhe die vielschichtigen Ebenen.

Der Kunsthandel Lehr wirft mit Gemälden und Zeichnungen aus drei Jahrzehnten einen konzentrierten Blick auf das Schaffen des Syrers, der 1957 nach Berlin übersiedelte. Hier fand Marwan im Kreis um Georg Baselitz und Eugen Schönebeck fern der orientalischen Heimat sein "künstlerisches Damaskus", wie Eberhard Roters es 1967 anlässlich Marwans erster Berliner Einzelausstellung in der Galerie Rudolf Springer formulierte. Der Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, die Marwan heute Abend mit dem Fred-Thieler-Preis für Malerei auszeichnet, prägte für den in der Folge des Informel wieder erwachenden Realismus der sechziger Jahre den Begriff der "pathetischen Figuration". So wie diese realistische Malweise die Abstraktion gleichsam impliziert, schwingt Marwans Damaskus in seinen Gemälden mit. Wie eine Fata Morgana scheint es auf, aber greifbares Abbild ist es nie. Das großformatige Pastell "Kopf mit Schleier" (18 000 Euro) leuchtet die Erinnerungen an die orientalische Herkunft aus. Der Schleier selbst wirkt transparent und ist eher im Titel präsent als im Bild sichtbar.

Die Bleistiftzeichnungen aus den sechziger Jahren skizzieren die Auseinandersetzung mit dem Menschenbildnis noch mit feinnervig-expressiven Strichen. Zu Beginn der Siebziger umkreist Marwan das menschliche Antlitz als Verlust von Gesicht. Aquarelle wie "Figuren" (4000 Euro) oder "Der Verdeckte" bewegen sich tastend an die Abstraktion heran, die den großformatigen "Gesichtslandschaften" innewohnt. Ein "Rückenbild" (5500 Euro) zeigt Porträt und Landschaft noch wie eigenständige Topoi. Das männliche Seitenprofil sitzt auf dem Rücken, der gleichsam als Landschaft lesbar wird. Die heftig und analytisch gesetzten Farbflecken verleihen dem Aquarell atmosphärische Tiefe, die anderen Kleinformaten bisweilen fehlt. Fast geschmeidig wirken die "Zwei Köpfe in Landschaft" (5500 Euro), die versonnen und ruhig im sandigen Boden gefangen scheinen. Wie Becketts Winnie und Willie aus "Glückliche Tage" sehen sie ihrem Untergang wehrlos entgegen.

Im grafischen Werk, die Galerie Hartmann & Noé zeigt eine Auswahl aus den siebziger Jahren, gewinnt Marwan seinem Sujet eine stürmische Ausdruckskraft ab. Als Kaltnadelradierung begehren die "Zwei Köpfe in Landschaft" (75er Auflage, 200 Euro) im harten, flirrenden Krakelee geradezu auf. Die Zeichnungen, Pastelle und Aquarelle bei Lehr markieren die Entwicklung der massigen Köpfe wie Gedankeninseln. Während Georg Baselitz das Menschenbildnis auf den Kopf stellte, Rudolf Hausner sein Alter Ego "Adam" mit Meer- und Gebirgslandschaften tiefenpsychologisch fundierte, schöpfte Marwan seine Variationen auf das Porträt aus dem Licht der Farbe. Auf der Schwelle von Porträt und Landschaft verschmelzen die Köpfe jenseits der Ratio zu Überblendungen existenzieller Unruhe. Der Fokus auf Mensch und Natur entwirft Gesichter, so gewaltig wie Bergmassive - eindringliche Metaphern des Daseins. Unter einem bedrohlichen Himmel drängt sich die "Gesichtslandschaft I" (32 000 Euro) über drei viertel der Bildfläche. Rottöne schlagen Schneisen in Kinn- und Wangenpartie, und Falten werden zu geologischen Linien. In der Flächigkeit wirken die Höhenzüge wie ausgetreten; zerschrunden von all jenen, die im Laufe des Lebens hindurchgewandert sind, werfen sie Schatten der Erinnerung. Das dunkelgestimmte Valeur der "Gesichtslandschaften" wird in einigen Stillleben der achtziger Jahre zu altmeisterlicher Manier gesteigert.

Einen geradezu beschwingten Kontrast bilden die zeitgleich entstandenen "Marionetten" mit ihren lichten Farben. Die akribisch geschichtete Oberflächenstruktur weicht hier einer kräftigen Textur. Die "Liegende Marionette" (10 000 Euro) moduliert in leuchtenden Rot und Grün die pure Farbigkeit. In den neuen Arbeiten, die die Berlinische Galerie im Rahmen der Preisvergabe präsentiert, kehrt Marwan zum Motiv des Kopfes zurück und verdichtet die Farben mit einer expressiv-pastosen Auftragsweise zu scharfkantigen Klippen. Bunte Tupfer wirken zunächst wieder einladend. Doch aus der Nähe betrachtet, erscheint das bewegte und krustige Gelände noch weit unwegsamer als frühere Pfade.

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