Kultur : Georg Kolbe Museum: Sinfonie der Sitze

Michaela Nolte

Stefan Wewerka hat die Seinen um sich geschart: Vater Rudolf, Onkel Hans und Sohn Philipp; und weil zu einem Familienfest auch Freunde gehören, lädt Wewerka Zeichnungen von Wilhelm Lehmbruck über Mies van der Rohe bis Richard Scheibe dazu.

An Ausstellungsstücken des 1928 geborenen Architekten, Künstlers und Designers dürfte es kaum mangeln. Deshalb befremdet das stilistisch kühne Spektrum bisweilen. Denn Stefan Wewerka ist auch künstlerisch der Profilierteste, so dass die Zugaben nicht durchweg standhalten. Als Spross einer Keramiker- und Steinmetzfamilie, deren Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, hat er die künstlerischen Fertigkeiten mit dem Zigarrenrauch des Vaters eingesogen.

Rudolf Wewerka, von dem die Ausstellung einige anmutige Zink-Porträts und frühe Zeichnungen versammelt, konnte sich in den Zeitläuften der Weltkriege als Künstler nicht durchsetzen. Der Sohn sollte deshalb bei dem befreundeten Bruno Taut Architektur studieren. Das war aber nichts für den Querdenker: "Es gab immer Juristen und Bauherren, die es besser wussten." Ein Mal noch kehrte Wewerka zur Architektur zurück und baute für die documenta 8 eine Konstruktion aus Glas, Stahl und Granit. Heute wird der "Wewerka-Pavillon", dessen Modell das Kolbe-Museum zeigt, in Münster als arrivierter Ausstellungsort genutzt.

Stefan Wewerkas Werk erzählt auch vom Nutzen der Kunst. Was auf den ersten Blick, nicht zuletzt aufgrund der barocken Fülle, disparat erscheint, verläuft als konsequente Spur, dessen Hauptweg sich aus den Nebenwegen erschließt. Wie kaum ein anderer hat Wewerka seit den sechziger Jahren Funktionalität und Kunst verwoben. Allein seine Variationen auf den Stuhl würden die Räume des Georg-Kolbe-Museums mühelos sprengen. Doch während Zeitgenossen wie George Brecht oder Joseph Beuys den Stuhl im Sinne einer Zivilisationskritik einsetzten, näherte sich Wewerka affirmativ und mit unschlagbarem Humor. In "Charlemagne" - zwei eigenwilligen Metamorphosen des Aachener Thronsessels - durchleuchtet er das Möbel auf seine historischen Dimensionen, die in den "Wärterstühlen" ihre schönste Ausprägung finden. Was in der Kunstgeschichte erst im 19. Jahrhundert als eigenständiges Motiv wahrgenommen wurde, führt Wewerka hier auf den Sockel ägyptischer Sitzstatuen zurück. Das rund 4000 Jahre alte, steinerne Vorbild übersetzte er 1986 für die documenta in eine minimalistische Stehhilfe aus Holz. Der Stuhl als Archetypus der Zivilisation steht trotz hintersinniger "Schieflagen" und Dekonstruktionen immer im Kontext des Gebrauchsgegenstands.

Dass Nützlichkeit dabei als imaginäre Konstante gedacht wird, verdeutlicht das Nebeneinander von Stuhl-Objekten und Designer-Stühlen. Der "Schwan" von 1979 ist auf eine acht Zentimeter breite Sitzfläche reduziert, während Wewerka den "Wanderstuhl" 1968 in seine Einzelteile zerlegte und als existenzialistische Reminiszenz mit einem Gürtel zusammenschnürte.

Aber auch der Designer Wewerka denkt nicht eindimensional. Serienfertigungen wie "Olga" oder der "Armlehnstuhl" von 1971 überzeugen durch skulpturale Qualitäten und sind obendrein vorwärts und rückwärts benutzbar. Einen Bogen zu den Wurzeln ziehen Figuren und Steinzeuggefäße des Onkels Hans Wewerka - ein viel beachteter, früh verstorbener Keramiker. In einer Kunsthandwerk-Vitrine steht Stefan Wewerkas "Fünf-Mark"-Multiple von 1964.Mit einem Scharnier versehen, kann die halbierte Geldmünze zusammengeklappt werden - "damit man im Portemonnaie mehr Platz hat", schmunzelt der Pragmatiker Wewerka.

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