Kultur : George Clooney in David O. Russells Film - Was CNN nicht sendete

Ralph Geisenhanslüke

Eine groß angelegte Aufarbeitung des Golfkriegs. Anfangs Komödie, wird der Streifen zu einem Thriller und endet als Action-Film mit kitschig-moralischer LäuterungRalph Geisenhanslüke

TV-Konsumenten kennen ihn als Arzt. Wenn Georgle Clooney den "Emergency Room" betritt, wissen Patienten und Schwestern sich in fürsorglichen Händen. Doch den Serienhelden zieht es auf die Leinwand. Nach Steven Soderberghs "Out of Sight" ist es nun ein Kriegsfilm - und George Clooney scheint das Method Acting für sich entdeckt zu haben, jene Schule der Schauspielkunst, nach der Darsteller sich in ihre Rollen hineinleben, und notfalls auch mal 20 Kilo zunehmen. Am Set von "Three Kings" jedenfalls kam es öfter zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Clooney und Regisseur David O. Russell. Eine davon beschrieb er später so: "Es war ein Tag mit extremem Druck. Wir versuchten einen Take hinzukriegen und er flippte wegen einer Kleinigkeit aus, Ich ging rüber, legte meinen Arm um ihn und sagte: Das geht so nicht. Und er sagte: Fick dich! Kümmere dich um deine Rolle. Und ich sagte: Jetzt bist du ein Arschloch. Wir standen Stirn an Stirn. Ich packte ihn am Hals und wir schrien uns aus Leibeskräften an."

Dreht man so einen Anti-Kriegsfilm? Regisseur Russell gilt als Wühlarbeiter. Ihn nach seinem Independent-Debüt "Flirting With Desaster" mit einer 50-Millionen-Dollar-Produktion zu betrauen, war ein Wagnis. Das Ergebnis geriet ebenso verquer wie sein Macher. "Three Kings", eine groß angelegte Aufarbeitung des Golfkriegs, wurde ein Bastard. Er beginnt als Komödie, wird zu einem Thriller und endet als Action-Film mit kitschig-moralischer Läuterung. Bilder, die CNN nicht sendete - wohl wahr - aber was will dieser Spagat zwischen "M.A.S.H." und "Saving Private Ryan" uns zeigen?

Zunächst einmal, dass Krieg eigentlich bezahlter Urlaub ist. Jedenfalls für die meisten US-Soldaten in Irak und Kuwait. Sie sitzen in der Etappe, während High-Tech-Spezialisten den Job erledigen. Dennoch sind sie dankbar für die Unterbrechung ihres noch langweiligeren Lebens an der Heimatfront. Die "Operation Desert Storm" scheint eher ein Zeltlager für große Jungs zu sein. Und mit etwas Glück bekommt man auch noch eine dieser Medien-Schnepfen ab, die ständig um das Camp herum wuseln.

Für drei der unterforderten Wüstenstürmer beginnt der ganze Schrecken erst nach dem Waffenstillstand: Sie finden eine Karte, die zu einem irakischen Bunker führt. Saddams Truppen sollen dort kuwaitisches Gold versteckt haben. 23 Millionen Dollar. Ein angemessenes Souvenir, meinen sie - und beschließen, den Schatz auf eigene Faust zu heben. Eventuelle irakische Einwände wollen sie mit ihrem bloßen Charme entwaffnen. Der Beutezug geht schief. TV-Arzt Clooney, Hip-Hop-Star Ice Cube und "Marky" Mark Wahlberg geraten als Plünderer zwischen die Fronten. Außerdem noch mitverdienen möchte der Video-Clip-Regisseur Spike Jonze. Er spielt einen GI, der beinah zu dumm ist, seinen Namen auszusprechen. Auf den ersten Blick keine Ideal-Besetzung für einen Anti-Kriegs-Film. Trotzdem - und trotz des komödiantischen Einstiegs ist "Three Kings" das erste Werk aus Hollywood, das sich mit großem Budget dem Golf-Krieg nähert.

Russells unberechenbarer Humor fängt die amerikanische Naivität ebenso ein, wie die Absurdität des Tötens. In seinen surrealen Szenen - zum Beispiel wenn eine Kuh explodiert - scheint die vermeintlich harmlose Brutalität von Cartoon-Serien bittere Wahrheit zu werden. Das Lachen vergeht einem spätestens bei den extrem realistischen Endoskopie-Aufnahmen, mit denen Russell innere Verletzungen zeigt. Ein konsequenter Umkehrschluss: Während die immergleichen TV-Bilder versuchten, Krieg als eine Art chirurgischen Eingriff zu verharmlosen, zeigt Russell mit chirurgischer Präzsion, was ein einziges Projektil im menschlichen Körper anrichtet.

Anders als die großen Vietnam-Epen zielt "Three Kings" nicht das Böse im System, auf den Krieg als Bestie. Er lässt die GIs als unreflektierte Egoisten in die Wüste ziehen, die verschiedene Facetten amerikanischer Wirklichkeit reflektieren. Sie, die am Ende unfreiwillig zu Helden werden, sind keine Beschützer, sondern nur an Öl oder sonstigem Profit interessiert. Saddams Massaker an der irakischen Zivilbevölkerung möchten sie nur zu gern übersehen.

Krieg ist weder vernünftig noch kontrollierbar. Um diesen Satz zu bebildern - und die bekannten Klischees um jeden Preis zu vermeiden - geht Russell einen verschlungenen Pfad, der am Ende nicht wirklich befriedigend ans Ziel führt. Auf Umwegen sieht man manchmal mehr. In der Wüste aber ist es ratsam, geradeaus zu gehen.Heute, 22 Uhr (Berlinale-Palast), morgen, 18.30 Uhr (Royal), 22.30 Uhr (International)

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