Kultur : Geräderte Sonne

Die Flutwelle in Südasien hat auch Stätten des Weltkulturerbes zerstört.Expertenteams der Unesco erfassen die Schäden

André Görke,Nicola Kuhn

Zehn Tage nach der großen Flutkatastrophe in Südasien gibt es noch keine genaueren Angaben über die Zerstörungen der Kulturgüter. Nachdem die Unesco zwischen den Jahren in einer kurzen Mitteilung verkündet hatte, dass auch Stätten des Weltkulturerbes von der Flutwelle betroffen sein könnten, herrscht am Hauptsitz der in Paris ansässigen Kulturorganisation der Vereinten Nationen nach wie vor Ratlosigkeit über das Ausmaß. Bislang konnte die Unesco nur vage von verheerenden Folgen sprechen. Betroffen seien unter anderem die Altstadt und Befestigungsanlage von Galle in Sri Lanka sowie die Sonnentempel von Koranak und die Denkmäler von Mahabalipuram in Indien.

Roland Bernecker, Generalsekretär der Unesco in Deutschland, formuliert deshalb auch sehr allgemein: „Was wir bislang wissen, ist, dass es erhebliche Schäden gibt.“ Nähere Informationen der Unesco-Teams, die bereits vor Ort die Zerstörungen im Einzelnen untersuchen, stehen noch aus. Die in Paris gegründete Expertengruppe soll erst einmal „die Eindrücke bündeln", so Bernecker. Einbezogen werden auch der Ujong Kulon National Park und der tropische Regenwald in Sumatra, die ebenfalls stark beschädigt wurden. Laut Unesco dauert die Erfassung aller Schäden an Kultur- und Naturdenkmälern mehrere Wochen. Dann erst werde eine Strategie zur Schadensbegrenzung erarbeitet.

Bislang gibt es laut Bernecker nur Gerüchte über den Zustand der Bauten; die Fernsehbilder aus den Regionen gäben allerdings Anlass zur Sorge. Für Mitte Januar sind zwar zwei Konferenzen angesetzt, bei denen der Wiederaufbau des Bildungssystems und die Einrichtung eines Frühwarnsystems vor Flutschäden verhandelt werden soll. Eine eigene Krisensitzung wegen der Schäden an den Kulturdenkmälern ist aber noch nicht anberaumt, heißt es in der deutschen UnescoZentrale in Bonn. Darüber werde erst nach dem Bericht der Spezialisten vor Ort entschieden. „Die Stunde der Unesco schlägt erst in einigen Tagen“, so Pressechef Dieter Offenhäußer. „Das kann morgen sein, vielleicht in einer Woche.“

So waren auch von den in Berlin ansässigen Botschaften Indiens, Sri Lankas und Indonesiens auf Nachfrage keine weiteren Informationen zu bekommen. „Dort steht erst einmal das Humanitäre im Vordergrund. Die Kultur kommt später,“ äußerte sich gestern Marianne Yaldiz, Direktorin des Museums für Indische Kunst in Dahlem. Die Berliner Kunsthistorikerin kennt den betroffenen Sonnentempel von Koranak gut. Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Denkmal erinnert an den Sieg über die aus dem Westen vorrückenden muslimischen Kämpfer. Blickfang des hinduistischen Heiligtums sind die 24 fast drei Meter hohen ornamentierten Räder, die den mythischen Wagen des Sonnengottes Surya ziehen. Siebzig Meter darüber ragt der dazugehörige Tempel auf, dessen Turm allerdings schon im 19. Jahrhundert einstürzte.

Die ebenfalls an der Bucht von Bengalen gelegene Tempelstadt von Mahabalipuram mit dem größten Relief der Welt, auf dem Menschen, Tiere und Götter abgebildet sind, dürfte weit stärker von der Flutwelle betroffen sein. Sie liege nur 300 Meter vom Meer entfernt, so Yaldiz. Kein Wall, kein Baum schütze die geweihten Mauern. Das Wasser konnte also ungehindert über den flachen Strand donnern, die kleine Straße überspülen, dann traf es auch schon auf die Tempelstadt. „Wir müssen mit schlimmen Nachrichten rechnen“, so die Museumsdirektorin.

Hingegen scheinen die Befestigungsanlagen der im 16. Jahrhundert von den Portugiesen gegründeten Festungsstadt in Galle auf Sri Lanka dem Druck der Flutwelle standgehalten zu haben. Anders als die umliegenden Häuser sollen im ganzen Land Tempel und Buddha-Statuen die Flut nahezu unbeschädigt überstanden haben, was von vielen Menschen als göttliches Zeichen angesehen wird. Die MawTin-Zun-Pagode in Birma, in der Buddhas Haare aufbewahrt werden, hielt dem Aufprall allerdings nicht stand. Die etliche Meter große Spitze stürzte zu Boden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar